Dem Wahnsinn so nah
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German › Books
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Adult ++
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Disclaimer:
I do not own the Forgotten Realms books. I do not make any money from the writing of this story.
43. Kap. Was immer auch geschieht
43. Kapitel
Was immer auch geschieht
Ein eiskalter Schauer jagte Shar plötzlich über den Rücken. Sein Herz pochte wild in seiner Brust und seine Knie fingen an zu zittern. Die tiefblauen Augen schauten weiterhin nach oben und direkt in ein rotes Augenpaar, das ihn wiederum neugierig musterte. Shar hielt den Atem an und dachte, dass er doch nicht so viel Glück hatte. Eine Gefahr war abgewendet geworden und die nächste lauerte gleich vor ihm.
„Ich danke dir, mein Kleiner“, erklang plötzlich eine freundliche Drowstimme und sie gehörte dem männlichen Dunkelelfen, der so unerwartet vor ihm aufgetaucht war und ihn immer noch interessiert beobachtete.
In dem dämmrigen Lichtschein der Gasse, die durch einige Kerzen aus den Fenstern und von vereinzelten anderen Lichtquellen herrührte, konnte Shar nicht viel erkennen und zum größten Leid, konnte er mit seiner wenig ausgeprägten Dunkelsicht noch weniger erfassen. Aber immerhin sah er so viel, dass er vor Überraschung laut die Luft in die Lungen sog. Vor ihm stand ein Drow. Er trug eine schwarze Lederhose, ein schwarzes dünnes Hemd und dazu einen schwarzen Umhang, der den Rest seines Körpers sehr gut verdeckte. Das lange, weiße Haar war nach hinten zusammen gebunden und diese Beschreibung kannte er noch gut. Keine Minute schien es her zu sein, als der Soldat nach diesem Mann gefragt hatte und nun hatte er den Flüchtigen widerwillig gefunden. Die gesprochen Worten trugen auch nicht sonderlich dazu bei, dass sich Shar bei dem Anblick besser fühlte. Doch wie war der Fremde hier her gekommen, wo doch zuvor absolut nichts war? Irritiert blickte er den Dunkelelfen an und dachte sogar, dass er träumte.
„Aber …“, begann Shar flüsternd zu antworten und brach augenblicklich ab, weil er nicht wusste, ob er überhaupt etwas sagen sollte, während die Angst ihm in die Glieder kroch. Sein Körper zitterte wie Espenlaub und fast hätte er nach Handir gerufen, aber er entschied sich noch zu warten. Denn je mehr er den Drow musterte, desto weniger wirkte er gefährlich auf ihn. Da erinnerte sich Shar an etwas anderes, lange Vergangenes. Sorn erzählte ihm einst, Reden wäre Silber und Schweigen wäre Gold. So oder so ungefähr musste es gewesen sein und bisher hatte sein Liebster stets Recht behalten. Somit wollte er sich an dieses Sprichwort halten und schloss den Mund, um sich anschließend nervös auf die Unterlippe zu beißen.
„Du hast mich nicht verraten, das war mutig von dir“, plapperte der Drow unerwartet auf Shar ein, wobei sein Blick sorgsam über die umliegende Gegend wanderte, immer auf der Hut, die Stadtwache könnte zurückkommen.
Es war Malag’edorl, der sich auf seiner Flucht hier im Schatten eines Gebäudes - wie ein wahrer Meister - geschickt zu verstecken verstand. So geschickt, dass weder die Priesterin, noch der anwesende Magier und die Soldaten ihn gesehen hatten. Er hatte gewartet bis die Wache nicht mehr zu sehen war und dann war er mitten auf die Straße getreten, direkt vor den Jungen, der ihm bewusst oder unbewusst geholfen hatte. Es hatte Malag’edorl selbst überrascht, dass der Kleine hier so unvermittelt aufgetaucht war, aber da gleichzeitig keine Bedrohung von einem verwahrlostem Kind ausging, dass vor ihm zitterte, als gäbe es kein Morgen mehr, beschloss er höflich zu sein. Wenn der Junge tatsächlich etwas wusste, dann konnte er immer noch rechtzeitig eingreifen und sich unliebsame Zuschauer eilig vom Hals schaffen. Immerhin war er Assassine und sein neuster Auftrag hatte ihn erst hier her geführt. Nun war seine Aufgabe erfüllt, jetzt galt es einige Tage ruhig abzuwarten und dann konnte er sich erneut auf den Straßen blicken lassen ohne Aufmerksamkeit zu erregen.
Den Hauptmann Urlryn kannte er gut genug, um zu wissen, dass dieser mehr Probleme mit der Priesterin hatte, als sich um einen flüchtigen Drowassassinen den Kopf zu zerbrechen. Dieses Geheimnis verwahrte er sicher in seinen Hintergedanken, als Malag’edorl sich in jenem Moment daran erinnerte, dass Urlryn sich in die Priesterin Nathayne – seine Vorgesetzte – verliebt hatte. Bei diesem Gedanken hätte Malag’edorl am liebsten laut aufgelacht, unterdrückte diese Emotion jedoch gleich wieder. Er erinnerte sich lieber an den Gesichtsausdruck des Soldaten und wie er mit dem Halbdrow umgesprungen war, als würde er mit einem Säugling reden. Doch der Junge vor ihm wirkte weder dumm noch auf den Mund gefallen, er schien einfach nur Angst zu haben. Die Frage, was der Junge erst hier zu suchen hatte, beschäftigte ihn. Dies war keine Gegend wo ein verwahrloster Halbdrow so einfach auf der Straße oder in dunklen Gassen herum laufen sollte, wenn er Interesse besaß am Leben zu bleiben. Der Wissensdurst wurde größer und so blickte Malag’edorl mit unverhohlener Neugier auf Shar hinab.
Er sah vor sich einen jungen Halbdrow mit kurzen und verdreckten weißen Haaren, die ihm unordentlich auf seinem Kopf wuchsen und schon lange nicht mehr gewaschen oder gekämmt worden waren. Dazu sah er das dünne Gesicht, mit Narben auf der linken und rechten Wange. Am hageren Körper trug der Junge eine zerrissene Wollhose und darüber ein löchriges und abgenutztes Hemd. Schuhe hatte er nicht an dafür stach ein weiteres Detail in Malag’edorls Augen. Ein eisernes Sklavenhalsband und eines, das sehr in Mitleidenschaft gezogen schien. Der Kleine war also ein Sklave, schlussfolgerte der Assassine. Ob er nun seinem Herrn abgehauen oder unachtsam auf die Straße geworfen worden war, dass spielte keine Rolle. Vielleicht wollte der Besitzer sich nicht die Hände schmutzig machen. Bei diesem Gedanken begann sich etwas in Malag’edorl zu regen. Er verstand nicht was, doch eines wusste er, er schuldete dem Jungen sein Leben und es störte ihn nicht, dass der Junge ein Halbdrow war. Hätte er die Wache nicht abgelenkt, dann wäre die Situation vielleicht anders ausgegangen. So entschied sich der Drowassassine für etwas, dass er niemals zuvor in seinem Leben getan hatte. Er erhob freundlich und ohne Hinterlist seine Stimme und sprach den Halbdrow erneut an, der ihn immer noch ungläubig anstarrte und bebte.
„Hast du Hunger? Ich möchte dir gerne für die Rettung meines Lebens etwas zu Essen geben und vielleicht hast du ja ein wenig Lust zu reden?“, wollte der Dunkelelf mit wahrem Interesse wissen. „Ich heiße Malag“, fügte er anschließend hinzu und benutzte dabei nur den ersten Teil seines wahren Namens. Alles sollte der Junge ja nicht von ihm erfahren. Sicher war sicher. Dabei lächelte er.
Shar schaute immer noch mit einer Mischung aus Unglauben und Angst zu dem Drow hinüber und wusste noch nicht, was er denken sollte. Aber die Art, wie sich der Mann gab, auch wenn es sich um einen Dunkelelfen handelte, wirkte überhaupt nicht bedrohlich. Wenn ihn der Fremde umbringen wollte, dann hätte er schon mehrmals die Gelegenheit dazu gehabt. Außerdem hatte Shar nichts getan, was sein Gegenüber dazu veranlassen konnte. Dazu kamen das ruhige Sprechen und das freundliche Lächeln. Irgendwie erinnerte es ihn an Sorn. Es kam aus tiefstem Herzen heraus, wie er es gewohnt war. Keine List und Tücke versteckte sich dahinter. Als nun noch das Wort „Essen“ fiel, wusste Shar die Antwort. Wann würde er schon auf der Straße einfach über eine Mahlzeit stolpern oder gar geschenkt bekommen. Im Bruchteil weniger Sekunden stand die Entscheidung fest.
„Ja, mein Herr“, piepste Shar leise und versuchte dennoch seine Stimme kräftiger klingen zu lassen. Dabei schaute er den Drow vor sich mit einem festen Ausdruck an, um zu zeigen, dass er auf der Hut blieb.
Malag sah es und musste grinsen. Der Junge gefiel ihm und er schien etwas an sich zu haben, das ihn immer weiter in den Bann zog. Mutig und doch schüchtern. Er freute sich schon auf die Informationen des Jungen und daraufhin lächelte er breiter. „Ich bin Malag, einfach nur Malag. Nenn’ mich nicht Herr“, meinte der Assassine freundlich und ergänzte augenblicklich. „Lass’ uns von hier verschwinden, die Wache könnte zurückkommen. Ich kenne einen Ort wo wir beide willkommen sind.“
Shars Augen weiteten sich bei dieser Aussage und nun zog auch ihn etwas in den Bann des Fremden. Er ähnelte wirklich Sorn und die Erinnerungen an seinen Liebsten schmerzten einige Atemzüge in seiner Brust. Doch er versuchte es zu verdrängen und sich erst einmal auf den Drow mit Namen Malag zu konzentrieren. Die Furcht vor Gefahr fiel allmählich von ihm ab und Shar verstand, dass die Worte von Malag der Wahrheit entsprachen.
„Wie heißt du eigentlich, mein Junge?“, unterbrach der Dunkelelf die Gedanken des jungen Halbdrow und wies gleichzeitig mit der Hand in eine Richtung, die Shar zuvor niemals aufgefallen war. „Wir verschwinden über einen anderen Weg, der ist sicherer als die Hauptstraße und diese Gasse hier.“
Shar nickte instinktiv und beschloss, dem Fremden einfach zu vertrauen. Wenn etwas schief gehen sollte, dann rief er gleich nach Handir, sagte er zu sich selbst und antwortete Malag anschließend mit kräftiger Stimme.
„Ich heiße Shar. Aber … aber wohin gehen wir?“, wollte der Junge wissen und folgte Malag dabei mit interessierter Miene.
„Ins Gasthaus ‚Zum gespaltenen Schädel’“, verkündete der Assassine grinsend und wusste, dass sie dort vor allen unliebsamen Blicken geschützt waren. Denn das Gasthaus befand sich am Rand zwischen Ostmyr und Braeryn und dort verkehrte alles und jeder, selbst entflohene Sklaven. Es handelte sich um eine der finstersten Spelunken, die man in Menzoberranzan finden konnte und von der obersten bis zur untersten Gesellschaftsschicht tummelte sich dort alles. Machenschaften und Intrigen, Mord und Todschlag und selbst die fleischlichen Gelüste wurden für jeden in allen möglichen Träumen erfüllt. Ein Ort, wo niemand die beiden suchen würde und Malag mehr als einmal zu finden war.
Eine Stunde später saßen Shar und der Drowassassine Malag’edorl zusammen an einem der hintersten Tische im Gasthaus ‚Zum gespaltenen Schädel’. Vor ihnen stand ein Krug Wein, zwei gefüllte Becher und jeweils ein voller Teller mit dampfendem Essen.
„Greif’ zu und iss“, forderte Malag Shar auf und griff im gleichen Moment nach dem vollen Becher Wein und leerte ihn in einem Zug. Dann stellte er ihn ab und füllte ihn erneut.
Shar sah skeptisch drein. Nicht wegen dem Essen, dass duftete wie ein Festmahl, obwohl es nur gebratenes Fleisch und Pilze gab. Es lag eher an der Tatsache, dass er niemals zuvor Alkohol zu sich genommen hatte. Ferner irritierte ihn diese fremdartige Umgebung. Doch er gestand sich auch ein, dass Malag Recht behalten hatte, hier achtete niemand auf sie. Es schien niemanden zu interessieren, dass Shar ein Halbdrow war. Alles und jeden konnte man hier antreffen, wenn man denn nur genau hinschauen wollte. Das tat der Junge. Hier lungerten Dunkelelfen, Orks, Goblins, Zwerge - vor allem Grauzwerge - herum, Sklaven - vom Oberflächenelf bis zu einem niederen Chintine - drängelten sich zwischen den Tischen und hier und da gab es auch Menschen, Tieflinge und Rassen, die er niemals zuvor gesehen hatte. Selbst drei Halbdrow konnte Shar erkennen, dass ihm sein Herz ein wenig höher schlagen ließ. Er war nicht alleine und das gab ihm mehr Sicherheit, auch wenn diese Umgebung alles andere als einladend auf ihn wirkte. Lautes Gegröle drang von jeder Ecke in eine andere und die Stimmung war ausgelassen.
„Dann erzähl mal, mein kleiner Shar“, unterbrach nun Malag die Gedanken des Jungen und spießte sich ein Stück Fleisch auf ein Messer.
„Wo kommst du her? Was machst du und den Rest gleich mit“, fragte der Dunkelelf und biss anschließend von dem Fleisch ein großes Stück ab. Kauend beobachtete er den jungen Halbdrow und ließ es ich schmecken.
Jetzt war Shar in der Zwickmühle. Was sollte er antworten? Denn wenn er etwas in den Straßen von Menzoberranzan gelernt hatte und an die Worte von Handir in der Höhle zurück dachte, dann gab es nur eines, er musste versuchen zu lügen. Von seinem Vater konnte er nichts erzählen. Von Sorn genauso wenig und von seinem Freund Zaknafein erst recht nichts. Da Nhaundar, laut Aussage des angeblichen Handirs, ebenfalls nicht mehr dazu zählte und er somit keinen Herrn besaß, grübelte Shar sorgfältig über die Antwort nach. Da kam ihm die Idee, er würde einfach von Veszmyr erzählen.
„Ich komme von Veszmyr Zolond. Er hat ein Geschäft … ein …“, dann musste Shar unterbrechen, weil ihm nicht einfiel, was der widerliche Händler überhaupt tat. Angestrengt überlegte er und dann versuchte er es von neuem. „Ich habe bei ihm Flaschen und Fässer sauber gemacht.“
Malag hörte die Worte und wusste sogleich, dass er eben nur die Hälfte der Wahrheit gehört hatte. Er erkannte die plötzliche Nervosität des Jungen und wie er stockte. Doch den gerade genannten Namen kannte er nur zu gut und er wusste, dass der ältere Dunkelelf ein Spirituosenhändler und dazu ein sehr gefährlicher Geschäftsmann war. Er wusste, auch, dass der Junge nicht lange bei diesem Händler gewesen sein konnte, sonst wäre er schon längst tot. Der Junge log und Malag konnte es Shar nicht verübeln. Aber auf eine gewisse Art und Weise gefiel ihm sein Gegenüber und er empfand etwas, dass dem Gefühl der Vertrautheit nahe kam. Dann spießte er sich ein weiteres Stück Fleisch auf und ließ es im Mund verschwinden.
„Er hat dich einfach gehen lassen?“, fragte Malag gleich hinter her, nachdem er sein Essen mit einem Schluck Wein herunter gespült hatte.
Shar nickte lediglich und schaute leicht verstohlen auf seinen vollen Teller hinab und beschloss lieber den Mund zu halten.
„Greif zu, sonst wird es kalt“, meinte der Assassine freundlich und amüsierte sich darüber, dass der junge Halbdrow kein Talent im Lügen besaß. Er sollte erst einmal etwas zu sich nehmen und dann könnten sie immer noch ein tief greifendes und vor allem wahres Gespräch führen.
Das ließ sich Shar nun nicht zweimal sagen und er griff mit beiden Händen zu. Er verschlang sein Essen und schaute kein einziges Mal auf. Erst als er satt und völlig zufrieden sich nach hinten lehnte, sah er Malag wieder an.
Malag’edorl beobachtete den Halbdrow währenddessen genauer und erkannte, dass der Junge wahrlich nicht lange überleben würde, wenn er so weiter machte. Wie lange er wohl schon auf der Straße lebte und wie er erst dort hinkam, fragte Malag sich dabei. Der Junge wirkte ganz und gar nicht wie ein Arbeitersklave, sondern eher wie jemand, der in seinem Leben nicht viel zu sehen bekommen hatte. Das plötzlich schüchterne Verhalten und das mutige Wesen, passten nicht so ganz in das Bild eines Straßenkindes. Der Kleine schien mit jeder Minute interessanter zu werden und die Neugier wuchs. Als Malag nun einen satten Shar vor sich sah, wollte er jetzt die Wahrheit wissen.
„Shar, du hast gelogen …“, begann der Assassine ruhig auf den Jungen einzureden, hob sogleich aber eine Hand und bedeutete ihm, keine Angst haben zu müssen und sprach eilig weiter. „Du brauchst dich nicht zu fürchten, ich werde es niemandem verraten. Aber mich interessiert die Wahrheit, denn du stammst nicht von der Straße, hab ich recht?“
Der junge Halbdrow sah betreten zu Boden und biss sich im gleichen Moment auf die Unterlippe. Lügen konnte er wirklich nicht und das brachte wieder sein Herz heftig zum pochen. Die Schweißperlen traten auf seine Stirn und er fühlte sich plötzlich gar nicht gut. Auf solch eine Situation war Shar nicht vorbereitet und er überlegte fieberhaft, was er tun könnte. Doch ihm fiel nur eine Lösung ein und das war genau das, was Malag gemeint hatte, er sollte bei der Wahrheit bleiben. Shar schluckte merklich, schaute mit seinen tiefblauen Augen zu dem Dunkelelfen hinüber und nickte lediglich.
Malag seufzte leise auf, freute sich jedoch gleichzeitig, endlich weiter gekommen zu sein. Er griff nach seinem Weinbecher und schob mit der anderen Hand den noch nicht angerührten Becher Shar hinüber.
„Shar heißt du aber?“, fragte Malag und erhielt ein Nicken. „Da trink etwas und dann werden wir uns richtig unterhalten“, forderte Malag’edorl den Jungen auf und dabei huschte ihm ein charmantes Lächeln über die attraktiven Gesichtszüge.
Wieder nickte Shar und tat, wie ihm geheißen. Er hatte wahrlich Durst und wenn andere Wein trinken konnten, dann er auch. So griff er nach dem vollen Becher und trank.
Zwei weitere Stunden verstrichen wie im Fluge und der Wein lockerte Shars Zunge ohne dass er es merkte. Es schmeckte köstlich. Shar erzählte plötzlich frei und ungezwungen und ein völlig faszinierter Malag’edorl hörte aufmerksam zu. Der Dunkelelf hatte schnell begriffen, dass der junge Halbdrow niemals zuvor Alkohol zu sich genommen hatte und dass aus seinem Mund nichts anders als die Wahrheit kam. Doch Shar musste man zu Gute halten, dass er trotz des benebelten Bewusstseins nichts von seinem Vater und den beiden Zwillingen Sorn und Nalfein Dalael erzählte.
Im Verlauf des Gespräches erfuhr Malag, dass der Junge einst ein Liebessklave gewesen war. Dazu noch bei einem Sklavenhändler, den er vom Namen und von seinen Methoden her kannte. Davon erwähnte der Assassine jedoch nichts und sagte sich, dass Shar jetzt auf der Straße besser aufgehoben war, als bei dem alten Hurenbock, aber nur wenn er es richtig anstellte. Dann wurde das Gespräch interessanter, als er von dem Waffenmeister Dantrag Baenre hörte. Immer mehr Details kamen über die lockere Zunge des Jungen und selbst von Zaknafein Do’Urden berichtete Shar. Er berichtete von den Übungsstunden und von seiner tollen Entdeckung mit dem Langschwert, dass er leider verloren hatte.
Somit erfüllte sich der schlimmste Alptraum Nhaundar Xaranns, der bei sich Zuhause ruhte und sich an dem bereits fertig gestellten Bild seines Lustsklaven ergötzte und ärgerte, wieso er dem Jungen so viele Geheimnisse anvertraut hatte.
Irgendwann, Malag wusste selbst nicht, wie lange er mit Shar hier gesessen hatte, merkte er, dass es langsam Zeit wurde sich von hier zu verabschieden. Doch der Junge wuchs ihm irgendwie ans Herz. Das ganze Gespräch wirkte wie eine glückliche Fügung des Schicksals und er brachte es nicht fertig, Shar einfach stehen zu lassen. Nachdem er nun auch wusste, dass der junge Halbdrow danach wieder in Gefahr schwebte, kam ihm eine seltsame, aber machbare Idee.
Mit seinen 250 Jahren, mit der Erfahrung auf den Straßen und durch sein Risiko als Assassine, kannte sich Malag’edorl bestens hier aus. Er kannte Verstecke, Abkürzungen und hier und da noch weitere nützliche Orte, die wohl auch Shar helfen konnten zu Überleben. Außerdem besaß der Junge etwas, dass ihn anzog. Die Lösung lag auf der Hand, man musste sie nur in die Tat umsetzen.
„Shar, möchtest du mit mir kommen? Du kannst bei mir übernachten, aber vorher musst du dich dringend waschen“, verkündete Malag stolz und musterte neugierig den Jungen, wie er darauf reagierte.
Der junge Halbdrow wirkte überrascht, aber nicht ängstlich. Vielleicht lag es an dem Wein und so kannte er augenblicklich die Antwort. Shar nickte und freute sich plötzlich, dass alles auf einmal so leicht schien.
Eine dritte Person hatte alles aufmerksam verfolgt und lächelte zufrieden vor sich hin. Der Maskierte Fürst freute sich darüber, dass alles bestens verlief. Dabei gratulierte er sich selbst. Shar hatte seine erste Aufgabe mit Bravur gemeistert und all die anderen Aufgaben würden bald kein Problem mehr darstellen.
Die Begegnung zwischen dem Drowassassinen Malag’edorl und dem jungen Halbdrow Shar endete im Zimmer des Dunkelelfen - nicht allzu weit entfernt von dem Gasthaus ‚Der gespaltene Schädel’. In einem herunter gekommenen Haus hatte Malag ein recht bescheidenes Zimmer im dritten Stock gemietet. Hier wohnten nur Drow aus der untersten Gesellschaftsschicht. Das hatte den Vorteil, dass sich niemand um den anderen kümmerte, somit auch nicht um einen Mann, der plötzlich einen Halbdrow mit zu sich nahm. In Malags Unterkunft gab es aber immerhin ein Bett, einen Tisch, sogar zwei Stühle und einen Schrank. Hier und da lagen seine Dinge zerstreut auf dem Boden herum und mit der Ordnung war es schon länger her. Das störte Shar allerdings nicht, er freute sich darauf zu baden, so wie es ihm Malag versprochen hatte. Mittlerweile ging der Junge sogar dazu über, den Drow als einen Freund anzusehen. Ein Fremder war er seit dem Essen in dem seltsamen Gasthaus nicht mehr und die Einladung trug wesentlich dazu bei.
Der Assassine selbst sah in Shar eher etwas, dass sein Leben bereichern könnte. Er mochte ihn und wollte auch helfen, aber Freundschaft würde er nicht zulassen, dazu war er zu sehr in seine Lebensweise eingebunden. Er konnte nicht so einfach jemandem vertrauen. Aber man sollte niemals nie sagen und die Zeit würde alles Weitere bringen, oder auch nicht? Auf dem Weg in sein bescheidenes Heim kam Malag’edorl jedoch noch ein anderer Gedanke und ein wenig schämte er sich dafür. Aber er wusste, wie der Junge überleben konnte, ob es ihm gefiel oder nicht. Wenn Shar tatsächlich einst ein Lustsklave war, so wie er behauptete, dann könnte er sich anderen anbieten, ganz wie all die Prostituierten auf der Straße, ob männlich oder weiblich, ob Drow oder eine andere Rassen. Diesen Vorschlag hielt er aber erst einmal zurück. Man sollte nicht einfach mit der Tür ins Haus fallen und er wollte seine Einladung für die Nacht einhalten, dafür hatte ihn der Halbdrow vor Schlimmeren bewahrt.
Shar, der immer noch vom Wein leicht benebelt war, bekam von alldem nicht viel mit. Er war schläfrig, aber freute sich insgeheim darauf, dass er bald weder stinken noch furchtbar aussehen würde. Malag steckte den Jungen in einen kleinen Badezuber, der gerade mal ausreichte, sich auf den Hosenboden zu setzen und dann wurde er von kaltem Wasser übergossen. Ein wenig Seife half nach, den Schmutz von fast einem Monat herunter zu spülen und anschließend stand ein frierender Shar - nackt wie er geschaffen wurde - vor dem Dunkelelfen und schaute ziemlich bedauerlich aus. Das Haar hing nass, aber weiß herunter, die Haut glänzte wieder hell, doch die Narben stachen jetzt deutlich hervor.
Malag musterte mit einem gewissen Interesse die Tätowierungen auf der Haut von Shar und sie wirkten auf ihn anziehend. Er selbst besaß auch eine Hautbemalung in Form eines weißen Totenkopfes auf dem Rücken. Das schien in jenem Moment jedoch zweitrangig. Der Dunkelelf beobachtete lieber den jungen Halbdrow weiter. Shar war dünn, aber dennoch reizvoll, besonders als er nun nackt und ohne jedwede Hemmung einfach stehen blieb und mit einem kleinen Schmollmund zu dem Assassinen nach oben schaute.
Mein Junge, ich glaube ich kenne den Grund, wieso dein Herr dich nicht so einfach gehen ließ, dachte sich Malag und war mit einem Mal völlig fasziniert. Er blickte plötzlich in helle und klar leuchtende Augen, die eine kindliche Unschuld ausstrahlten, dass ihm fast das Herz aus der Brust springen wollte. Dazu gesellte sich das junge Aussehen und das freundliche Wesen, welches Shar ihm bereits im Gasthaus gezeigt hatte. Er spürte plötzlich ein Ziehen in seinen Lenden und er wusste, dass er den Kleinen vor sich haben wollte. Nicht gewaltsam dafür freiwillig. Malag’edorls Hände wanderten zum eigenen Hemd und er öffnete langsam die Knöpfe, einen nach dem anderen. Dabei fixierte er den Blick des Jungen, der immer noch stehen blieb und gar nichts tat. Bei diesem Verhalten konnte er sich sicher sein, dass Shar nicht beabsichtigte sich zu wehren. Es dauerte nicht einmal fünf Minuten und beide landeten zusammen auf der einfachen Matratze im Zimmer des Assassinen.
Der junge Halbdrow hatte tatsächlich keine Angst und alles was Malag mit ihm tat, erinnerte ihn bei jedem Atemzug an Sorn. Er war sanft und nicht allzu fordernd. Shar spürte keine Schmerzen und fühlte sich sogar wohl in den Armen des Drow. Er verspürte auch kein schlechtes Gewissen und alles was er tat, tat er mit Hingabe und aus freien Stücken. Alles war plötzlich in bester Ordnung.
Am nächsten Morgen verabschiedeten sich Malag’edorl und Shar voreinander. Der junge Halbdrow trug wieder die alte Kleidung, stank jedoch nicht mehr. Malag erklärte ihm zuvor noch einige Dinge, die dem Jungen durchaus weiter halfen. Darunter auch von seinem Gedanken am Vorabend und dass Shar sich wie viele andere anbieten sollte und somit zu Essen kam. Der Dunkelelf warnte ihn tagsüber sehr genau aufzupassen und vorsichtig zu sein, allen unliebsamen Begegnungen auszuweichen und nachts sowieso. Etwas enttäuscht aber dennoch froh, dass der Dunkelelf ihm keine Gewalt noch sonstiges angetan hatte, trug wesentlich dazu bei, dass Shar einwilligte den Rat auszuprobieren. Außerdem gab es immer noch Handir. Malag erzählte ihm jedoch noch mehr. Er wünschte, dass Shar öfters bei ihm vorbei schaute. Natürlich äußerte der Assassine nicht, dass er Gefallen an dem jungen Halbdrow fand. Wenn der Junge käme würden stets ein Essen und höchstwahrscheinlich auch ein Bad dabei herausspringen. Die Bezahlung fand im Anschluss im Bett statt. Shar willigte ein und schien sogar glücklich, solch einen Glücksgriff gemacht zu haben.
Bei der Verabschiedung an Tür kam der letzte Rat, den Malag dem Halbdrow mit auf den Weg gab, um Shar ein wenig zu helfen. Er erwähnte, dass der Besitzer des Gasthauses ‚Zum gespaltenen Schädel’ jeden Tag um die gleiche Zeit – immer dann, wenn das Licht von Narbondel am höchsten stand - er die Essensreste in die Seitenstraße kippte, wo sich um die Ecke der Eingang befand. Wer Erster oder schnell genug war, der konnte durchaus noch angenehme Essensreste ergattern. Das er es selbst schon mehrere Male getan hatte, verschwieg er gekonnt. Die Warnung, dass der Junge stets auf der Hut sein musste, wiederholte er dabei ständig. Gerade, als er die Tür endgültig schließen und verriegeln wollte, kam ihm ein allerletzter Gedanke. Er hielt Shar nochmals auf, rannte zurück ins Zimmer und drückte dem völlig verdutzen jungen Halbdrow ein kleines Messer in die Hand.
„Steck’ es ein und pass darauf auf. Es ist kein Geschenk, denn jedes Mal, wenn du wieder kommst, gibt’s du es mir zurück, verstanden?“, meinte Malag freundlich und hoffte, dass er jetzt nicht als ein verweichlichter Idiot dastand.
Shar riss vor Überraschung die Augen auf und konnte es kaum glauben, aber das Messer war echt. Er nahm die Klinge in die Hand und fühlte den Griff fest unter seinen Fingern. Der Junge wusste jedoch genau, dass dies ein Geschenk war und dass sein neuer Freund sich wohl tatsächlich um ihn Sorgen zu machen schien. Ganz tief in sich spürte Shar die Freude darüber und am liebsten hätte er den Dunkelelfen vor sich umarmt. Davon ließ er aber gleich ab, denn seit gestern hatte auch er den jungen Drow vor sich ein bisschen kennen gelernt. Alles deutete daraufhin, dass es wohl eine längere Beziehung werden würde und beide verstanden sich, auch ohne Worte. Malag hatte soviel von seinem Liebsten und mit diesem wusste er umzugehen. Shar war stolz auf sich. Denn in jenem Moment, als er das kleine Messer in der Hand hielt, wurde er zu jemand anderem. Nun wollte er jedem zeigen, dass er mehr wert war, mehr wert, als alle immer von ihm dachten. Niemand sollte ihm ein Leid antun und er würde zeigen was in ihm steckte. Dieses Messer wollte er in Ehren halten.
Mit einem Lächeln auf den Lippen verabschiedeten sich beide voneinander und in einigen Tagen wollten sie sich erneut treffen.
Malag schloss die Tür hinter sich und Shar ging die Treppe hinunter. Hinaus auf die Straßen von Menzoberranazan, die ab sofort sein neues Zuhause sein würden.
Aus dem ersten Tag alleine in der Stadt der Spinnenkönigin wurden weitere und so verflog die Zeit wie im Fluge. Vhaeraun achtete sehr sorgsam auf das Wohlbefinden des Jungen, der sich tapfer auf den Straßen der Stadt behauptete. Der Maskierte Fürst unterstützte seinen Schützling selbst mit Zaubern, wenn die Situation brenzlig wurde und tarnte es geschickt durch die Stimme des angeblichen Vaters. Sie unterhielten sich hin und wieder und Shar schien wie ausgewechselt. Er achtete sorgfältig auf alles, was sich ihm in den Weg stellte. Ging den Dunkelelfen und allen anderen Gefahren aus dem Weg, auch wenn es hin und wieder zu Zwischenfällen kam, die auch mal mit Verletzungen für Shar endeten. Vhaeraun wollte aber keinen Feigling und so musste der junge Halbdrow diese Lektion bitterlich lernen. Der Junge hielt sich in all jener Zeit auch an die Worte des Drowassassinen Malag’edorl und nahm auch dessen Ratschläge an. Es funktionierte. Was sich am Anfang vielleicht als Problem hätte entwickeln können, wurde zum Schluss etwas, worin Shar wahrlich Talent bewies. Durch sein unschuldiges und junges Aussehen, stellte es bei dem richtigen Verhalten kein Hindernis da, sich wie viele Frauen und andere – Männer, Frauen und Kinder anderer Rassen – sich ein Essen durch körperliche Befriedigung zu besorgen. Der junge Halbdrow lungerte dabei zwar mit mulmigem Gefühl, dennoch voll von sich überzeugt, an Kneipen und Spelunken herum und beobachtete die Frauen, was diese Taten um an Freier zu kommen. Das was sie konnten, kannte Shar schon lange. Innerhalb mehrerer Tage hatte der Junge es geschafft, dass sich Männer für ihn begeisterten, Frauen mochte er nicht und so blieb er ihnen gerne fern. Es handelte sich dabei nicht um junge und hübsche Dunkelelfen, auch nicht um hochbetuchte Adelige, die er gut kannte, dafür waren es einfache und ältere Männer, die froh zu sein schienen, dass sich überhaupt jemand für sie interessierte und dazu spendierten sie Shar etwas zu Essen und hin und wieder fand er dort auch einen Schlafplatz, die sich nicht an einem Halbdrow störten. Ansonsten streifte er durch Gassen und suchte sich ein verlassenes Versteck. Das Messer gab ihm dabei immer wieder von neuem Mut. Durch seinen dünnen Körper passte er manchmal in kleine Häuserspalten und Kellerlöcher, wo so mancher Schwierigkeiten hatte.
Der Ratschlag sich auch in der Nähe des Gasthauses ‚Zum gespaltenen Schädel’ herum zu drücken und zu warten, bis der Wirt das Essen unachtsam wegwarf, war eine Goldgrube. Am Anfang schaffte es Shar nur klägliche Reste vom Boden aufzuklauben, doch mit der Zeit hatte er den Trick heraus, zwischen den ganzen Straßenkindern, Bettlern und allen anderen herumlungernden Individuen sich zu behaupten. Es war nie viel, aber es reichte zum überleben.
Nach den ersten Tagen in Menzoberranzan, ganz alleine und immer noch am Leben, machte Malag’edorl sein Versprechen war und fand Shar auf der Straße. Der junge wirkte zwar müde, aber ansonsten schien er sich bester Gesundheit zu erfreuen. Dabei konnte der Assassine ein Grinsen nicht unterdrücken und nahm den jungen Halbdrow mit zu sich.
Lange Zeit ging es gut und mittlerweile schrieb man den Monat Eleint im Jahre 1325 TZ. Der Junge würde in einigen Tagen seinen 50. Geburtstag feiern, aber davon ahnte er nichts. Seit dem unheilsvollen Fest im Haus des Sklavenhändlers Nhaundar Xarann waren neun Monate vergangen und aus Shar war ein Straßenkind geworden. Er lernte zu stehlen was er nicht bekam, und wenn es Probleme gab, dann hatte er sein Messer. Das versuchte er aber nicht einzusetzen, höchstens zur Abwehr. Auch dies kam hin und wieder einmal vor und zum Schluss hatte Shar einige Narbe mehr. Der junge Halbdrow konnte sich plötzlich in den finsteren Gassen der Stadt der Spinnenkönigin behaupten. Aus der ursprünglich nicht gewollten Freundschaft, wie der junge Dunkelelf Malag es sich ausgemalt hatte, entwickelte sich doch eine Kameradschaft. Shar genoss die Zeit, in denen er sich sicher im Zimmer des Drow befand und genau wusste, hier konnte ihm nichts passieren. So dachte er immer bis ihn eines frühen Morgens die Stimme von Malag aus dem Schlaf riss.
„Du musst aufstehen! Los, mach schnell!“, hetzte der Assassine und in seinem Tonfall klang die Dringlichkeit scharf und unverkennbar heraus.
„Was … was ist los?“, wollte Shar wissen, der sich die Müdigkeit gerade aus den Augen rieb und sich dabei im Bett aufsetzte. Gleich darauf flogen seine Hose und Hemd auf ihn hernieder, während er beobachte, wie Malag sich rasch die eigenen Kleider überstreifte.
„Du musst hier verschwinden, sie haben mich gefunden“, erklärte der Drow hastig und funkelte den Jungen mit rot glühenden Augen an, dass er sich beeilen sollte.
Shar tat wie ihm geheißen, fragte sich jedoch gleichzeitig, was das alles zu bedeuten hatte. Noch niemals war hier etwas geschehen, was ihn in Schwierigkeiten oder Gefahr brachte. Aber genau das zeichnete sich gerade unheilsvoll ab. Malag wirkte angespannt und ziemlich nervös. Der Junge blickte auf seinen Freund, während er sich selbst anzog und ihm entging nicht, wie dieser irgendetwas in einen Rucksack packte und anschließend seinen Waffengürtel, Stiefel und Umhang überstreifte.
„Hast du dein Messer?“, fragte Malag jetzt noch drängender, hielt plötzlich inne und begann zu lauschen.
„Ja“, flüsterte der junge Halbdrow zappelig und steckte in jenem Moment die kleine Klinge in seinen Hosenbund, die eben noch auf dem Boden lag.
„Dann verschwinden wir von hier, aber aus dem Fenster“, befahl der Assassine und schnappte sich das Handgelenk des Jungen. Er zog ihn auf die Beine und zusammen liefen sie zu dem einzigen Fenster im ganzen Raum.
Shar wollte schon fragen was hier vorging, da hämmerte es laut und drohend an der verriegelten Tür. Er erschrak und sein Herz raste plötzlich ängstlich.
„Mach schon“, drängte Malag erneut und kletterte in jenem Moment auf den Fenstersims und hielt dem jungen Halbdrow eine helfende Hand hin. „Du musst mir folgen und pass’ dabei auf“, flüsterte er und zog den Jungen am dünnen Gelenk jetzt zu sich herüber.
Shar zitterte und konnte seine Furcht nun nicht verbergen. Er war noch niemals aus einem Fenster geklettert und erst recht nicht aus einer Höhe, die ihn schwindlig machte. Als er nämlich Malag folgte und nach unten schaute raste der Boden auf ihn zu und gleich wieder davon. Sein Magen begann sich seltsam zu fühlen und der Schweiß trat auf die Stirn. Sein Herz raste nun noch schneller und die Hände begannen zu schwitzen.
„Aber das geht doch nicht“, versuchte der junge Halbdrow zu protestieren und blickte in jenem Moment zurück in das Zimmer.
Doch fast war es zu spät. Die Tür wurde eingetreten und dahinter kamen Dunkelelfen zum Vorschein. Soldaten um genauer zu sein und sie sahen in Richtung des Jungen und dann zu Malag hinüber.
„Er versucht zu fliehen!“, rief einer der Männer und schon polterten Ledersohlen über den Holzboden auf Malag’edorl und Shar zu.
Ohne weiter auf den jungen Halbdrow einzugehen, schnappte sich der Assassine Shar und schlang sich dessen Arme um seinen Hals, damit er ihn nicht verlor. „Halte dich gut fest und schaue nicht nach unten“, gab er noch die Anweisung und begann ohne weitere Erklärungen zu klettern. Er hielt sich an einem Seil fest, das wie aus dem nichts plötzlich nach unten hing und bewegte sich dabei schnell und wendig auf den Boden zu.
Das Herz des Jungen klopfte immer schneller und von oben drangen die bedrohlichen Stimmen auf sie ein. Er wünschte sich, dass er das alles nur träumte, aber dem schien leider nicht so. Der Boden kam näher und Shar missachtete den Rat, den er eben noch von Malag bekam, und erkannte viele Meter unter ihm den harten Felsen der Straße. Erneut wurde ihm schwindlig und sein Magen rebellierte. Noch während er versuchte diese missliche Lage mit sich selbst in Einklang zu bringen, hörte er ein lautes Pfeifen neben seinem Ohr. Erschrocken hielt Shar den Atem an und dann flogen ihm Steinchen ins Gesicht. Schon folgte das nächste Pfeifen und daraufhin ein Stich in seinen Hals. Plötzlich wurde ihm seltsam und etwas war geschehen, was er nicht kannte. Einen Atemzug später spürte der junge Halbdrow, dass er müde und seine Glieder schlaff wurden. Eben hielt er sich noch am Hals von Malag fest und bereits im nächsten Augenblick wusste er, dass er es nicht mehr konnte. Shar ließ ohne es zu wollen los und fiel drei Meter nach unten und kam dabei mit vollem Gewicht auf dem harten Boden auf. Es erklang ein lautes Knacken und dann lag der jungen Halbdrow auf der Gasse, sein Körper war schlaff, schmerzte und sein rechtes Handgelenk stand in einer bizarren Drehung von ihm weg. Shar hatte sich das Gelenk beim Absturz gebrochen und seine Sinne schwanden schnell dahin. Die eben noch heftig aufkommenden Schmerzen durchströmten seinen Leib, doch diese begannen plötzlich zu schwinden.
Malag’edorl hörte und sah die Bolzen von einer Armbrust, die einige Drow auf der gegenüberliegenden Straßeseite unter ihm abschossen hatten. Und schon gleich danach spürte er, wie der Junge fiel. Nein, fluchte er innerlich und kletterte eilig weiter. Hoffentlich war nichts passiert, dachte er und da traf ihn ebenfalls ein Bolzen. Dieser war nicht mit Schlafgift gedrängt, sondern er war scharf und tief in seinen Arm eingedrungen. Ein stechender Schmerz erfasste ihn und den letzten Meter sprang der Assassine nach unten und landete neben dem Jungen. Er umfasste seinen schmerzenden und blutenden Arm.
„Bleib liegen und stell’ dich tot. So kann ich dich nicht mitnehmen, aber sie werden dir auch nichts tun, sie suchen mich. Ich versuche zurück zukommen“, flüsterte er schnell zu Shar gewandt, blickte auf ihn herab und hoffte, dass der Junge nicht schon tot war. Dann wurde er von einem weiteren Bolzen abgelenkt, der ihn nur um wenige Millimeter verfehlte. Eilig erhob sich Malag’edorl, sicherte seinen Rucksack auf dem Rücken und hechtete die Straße entlang ohne sich noch einmal umschauen zu können.
Zurück blieb Shar, der mittlerweile das Bewusstsein verloren hatte. Doch die Worte seines Freundes klangen wie ein Echo in seinem Kopf nach und langsam glitt er in eine angenehme Schwärze hinab.
Als Shar eine Stunde später an der gleichen Stelle erwachte, wo er abgestürzt war, peinigten ihn unsägliche Schmerzen. Sein ganzer Körper quälte ihn und ein Brennen und Pochen durchströmte seine Glieder. Der Kopf hämmerte laut und ihm war schwindlig. Seine Eingeweide fühlten sich an, als hätte sie ihm jemand ausgerissen und erneut eingesetzt. Was war nur passiert? Der Junge versuchte angestrengt die Augen zu öffnen und offen zu halten. Er war so müde und schlaff. Die Worte von Malag kamen ihm in den Sinn, ‚Bleib liegen und stell’ dich tot’. Das musste er erst gar nicht, denn er fühlte sich bereits so. Aber wie lange hatte er hier gelegen und was war passiert? Fragen über Fragen drängten sich Shar auf und er wagte sich erst einmal nicht zu bewegen. Doch dies war die falsche Lösung. Er lag auf der Straße und mitten in der Gefahr. So lauschte der junge Halbdrow, ob er von irgendwo her ein Geräusch vernahm. Nichts, hier herrschte Stille. Das schien die Chance zu sein. Shar versuchte aufzustehen. Zuerst bewegte er lediglich den Kopf und unerträgliche Kopfschmerzen bemächtigten sich seiner. Der Junge seufzte, musste jedoch weiter versuchen hier nicht tatenlos herum zu liegen. Shar riss sich zusammen und nach einigen Minuten schaffte er es sich in eine sitzende Position zu kämpfen. Immer noch schmerzten seine Glieder und ganz unerwartet und mit einer Heftigkeit, die er niemals zuvor gekannt hatte, jagte ein ungeheuerlicher Schmerz durch seinen rechten Arm. Beinahe hätte er laut und aus tiefstem Herzen aufgeschrieen, konnte sich aber im aller letzten Moment zurückhalten und biss sich so fest auf die Unterlippe, dass sie anfing zu bluten. Geschockt riss er seine Augen auf und betrachtete seinen Arm, besser gesagt sein Handgelenk und sah etwas, dass ihn fast von neuem ohnmächtig werden lassen wollte. Kleine Sternchen glimmten vor seinem Innern auf und sein Magen begann erneut zu rebellieren. Der Schmerz wurde intensiver, aber der junge Halbdrow hielt beharrlich am Bewusstsein fest. Der Junge sah sein Handgelenk, aber es sah nicht mehr so aus wie vorher. Es hing seltsam verdreht und nach außen gerichtet schlaff nach unten. Blut klebte daran und etwas Weißes und Spitzes lugte daraus hervor. Ohne Behandlung würde solch ein Bruch wohl mit einer verkrüppelten Hand enden, die zu nichts mehr zu gebrauchen war, aber das wusste Shar nicht, noch nicht.
Der Junge beobachtete und verstand nicht alles. Er spürte die schlimmsten Schmerzen seit langem und er konnte nicht anders und rief nach Handir.
„Vater … Vater, bitte hilf mir?“, flehte Shar stumm und wartete geduldig auf eine Antwort.
Lange musste er nicht warten und die wohlklingende Stimme Vhaerauns hallte tausendfach durch den Geist seines Schützlings. „Du musst dich verstecken“, antwortete er nüchtern.
„Ich habe Schmerzen“, bettelte der junge Halbdrow und kämpfte jetzt sogar mit den Tränen. Denn die Pein wurde von Minute zu Minute größer.
„Das weiß ich“, erklang ein Seufzen in Shars Kopf. „Aber du musst erst einmal von der Straße und dich verstecken wo niemand dich finden kann. Die Schmerzen werden vergehen. Du willst doch ein gehorsamer Sohn sein.“
Nun lag es an dem Jungen zu seufzen. Wieso half ihm sein Vater nicht zuerst und dann konnte er in Ruhe ein gutes Versteck finden, wo er in Sicherheit war. Aber er wusste, mit Jammern brachte er es nicht weit bei Handir Also musste er versuchen sich zu fügen und den Worten seines Vaters vertrauen. Mit einem Stöhnen machte sich der junge Halbdrow dran, langsam aber dennoch eisern aufzustehen. Den Blick auf sein gebrochenes Handgelenk vermied er dabei, während er sich tapfer am Straßenrand entlang bewegte. Die Stimme von Handir wies ihm den Weg und nur einige Meter weiter fand Shar ein kleines Kellerloch, wo er problemlos hineinschlüpfen konnte. Sein Vater versicherte ihm sogar, dass er hier nicht gefunden werden würde und er sich von dem Sturz aus dem Fenster erholen sollte. Der Junge war so in seinen Schmerzen gefangen, dass er sich erst einmal auf keine weitere Unterhaltung mit der Stimme von Handir einlassen wollte und versuchte stattdessen zu schlafen. Schlaf war schon immer die beste Medizin und er gab ihm die Möglichkeit über die Geschehnisse nachdenken zu können. Gesagt und getan und Shar verschwand in dem kleinen Kellerloch und schlief irgendwann ein.
Zur gleichen Zeit ärgerte sich der Maskierte Fürst über die unliebsame Wandlung der Situation, die durch die übereilte Flucht von Malag’edorl entstanden war. Diese Richtung hatte er so nicht vorher gesehen und eine Lösung musste dringend her. Über seinen Schützling brauchte er sich keine Sorgen zu machen, er würde sich stets an seine Anweisungen halten, so wie er es in den letzten vergangen Monaten getan hatte. Der zweite Kandidat würde nun näher rücken müssen und die Zeit schien reif, endlich die Zukunft weiter voran zu treiben. Noch während er dies dachte, wirbelte Vhaeraun durch die Schattenebene auf den Basar von Menzoberranzan zu. Zwei kleine Geschenke hatte er zu vergeben. Das erste Geschenk würde Malag zustehen. Der Gott erspähte die flüchtige Silhouette des Assassine mit einer seiner tausend Facetten und verhalf ihm zu einer geglückten Flucht. Seine Verfolger gingen plötzlich in lodernden Flammensäulen auf und erstickte, sterbende Schreie hallten unheilsvoll über den großen Platz mitten in der Stadt. Jeder unfreiwillige Beobachter riss vor Schreck weit die Augen auf und doch beobachteten sie mit unverhohlenem Interesse, wie die unglücklichen Soldaten sich in Asche verwandelten. Danach verschwand Vhaeraun und tauchte wenige Sekunden später auf einem der vielen Dachfirste auf. Jetzt musste er viele Stunden warten, aber dies tat er in jenem Moment mit Genuss, denn das zweite Geschenk gab es erst viel später und an einem anderen Ort.
Ein gut aussehender Dunkelelf mit dunkelblauer Samtrobe, langen, weißen Haaren, und lavendelfarbenen Augen, lief an jenem Morgen geradewegs auf sein Ziel zu, ein kleiner Laden mit Zaubereibedarf. Mit seiner 1,70 m Körpergröße und seinem jungen Gesicht, wirkte er irgendwie Fehl am Platz, denn zum einen täuschte sein jungendliches Aussehen und gleichzeitig strahlte er eine ungewöhnliche Aura aus. Mit hocherhobenem Kopf, blitzenden Augen und einem selbstsicheren Auftreten schritt er die Straße entlang und achtete nicht auf die staunenden Blicke. Er war heute Morgen hier her gekommen, um seine Zutaten aufzufüllen, und genau das wollte er auch tun und sich nicht ablenken lassen.
Das Geschäft ‚Die Höllenküche’ war ein bekannter Ort, wo jeder gute Magier wusste, dass man alles bekam, was das Herz der arkanen Künste begehrte. So auch der junge Zauberkundige, der eigentlich schon weit über 400 Jahre lebte und mit der dunkelblauen Samtrobe in Menzoberranzan auffiel. Mit sicherem Schritt kam er dem Eingang immer näher und freute sich bereits, noch einige exotische Dinge ersteigern zu können, die er doch so sehr liebte, sammelte und damit Experimente ausführte. Der Magier bog in die ihm bekannte Seitenstraße ein und wäre beinahe über etwas gestolpert. Erschrocken blieb er stehen, doch konnte fast schon nichts mehr sehen. Eine kleine Silhouette schlich gerade vor ihm um eine weitere Ecke und schon war sie verschwunden. Etwas ärgerlich schüttelte er den Kopf, setzte aber augenblicklich seinen Weg fort. Einige Minuten später trat er über die Schwelle des Ladens ‚Die Höllenküche’.
„Seit mir gegrüßt, Meister …“, begann der Besitzer des Geschäftes augenblicklich auf seinen neuesten Gast einzureden, als er erkannte, dass dieser den Laden betrat. Dabei handelte es sich schon um einen älteren Magier in purpurner Robe, der nur zu gerne Stammgäste in Empfang nahm und der neue Gast war solch einer.
Der Magier in der dunkelblauen Robe winkte jedoch gleich mit der Hand ab, so dass Elkantar Naerth, der Besitzer des Ladens, sich unterbrach und stattdessen einen Verbeugung tätigte und anschließend kamen beide aufeinander zu.
„Seit mir ebenfalls gegrüßt, Meister Naerth“, antwortete der Magier in dunkelblauer Samtrobe höflich und beide standen sich unmittelbar gegenüber. „Ich suche heute etwas Bestimmtes und ihr habt doch immer die besten Zutaten“, meinte er darauf bestimmend.
„Natürlich, natürlich …“, grinste Elkantar.
„Ich suche Mondstaub aus den südlichen Ebenen der Oberfläche. Da ihr gerne Exotisches anbietet, könnte ich Glück haben? Ich habe einmal gehört, dass ihr das silbrige Pulver schon mehrmals verkauft habt“, entgegnete der jung aussehende Zauberer.
„Wartet einen Moment … ich habe im Hinterzimmer bestimmt noch etwas übrig“, schmunzelte der Ladenbesitzer, denn er wusste, dass er tatsächlich noch Mondstaub besaß. Außerdem war er teuer und hier winkte ein guter Geschäftsabschluss.
Elkantar Naerth lief eilig nach hinten, während der andere wartete. Nach nur wenigen Minuten kehrte der ältere Dunkelelf zurück und schaute ein wenig verärgert aus.
„Es ist keines mehr da, dabei war ich mir sicher ich hätte noch einen vollen Beutel“, entschuldigte sich der Ladenbesitzer, wurde aber von seinem Kunden höflich unterbrochen. „Das ist kein Problem. Ich komme einfach wieder, sagt mir nur wann und wie viel es kostet.“
„In den nächsten Tagen trifft eine neue Karawane ein und von dort beziehe ich den Mondstaub. Drei Tage und zehn Gold, Meister“, antwortete Elkantar ehrlich und ernte daraufhin ein Lächeln.
„Ich danke euch“, erklang die ruhige Stimme des Magiers in der dunkelblauen Robe und verschwand ohne weitere Einkäufe aus dem Laden. Die Enttäuschung nicht gleich bekommen zu haben, was er suchte, nagte im Innern, aber dadurch bekam er auch die Gelegenheit beim nächsten Mal vielleicht noch etwas anderes zu erstehen und wollte ein wenig mehr Geld mitnehmen. Für ihn stellte die weite Entfernung zwischen Aglarond und den unterirdischem Menzobarranzan kein Problem da, was er in regelmäßigen Abständen sowieso so gerne unternahm. Mit diesem Gedanken verschwand er auf dem gleichen Weg, wie er gekommen war.
Auf dem Dachfirst über den Dächern der Stadt der Spinnenkönig saß immer noch der Maskierte Fürst und konzentrierte sich dabei auf das Gespräch der beiden Drow im Laden ‚Zur Höllenküche’. Ein tückisches Lächeln hatte einen Weg in sein Gesicht gefunden und wie aus dem Nichts hielt er einen Beutel in der Hand und wiegte ihn sorgfältig hin und her. Scheint wirklich sehr wichtig zu sein, schmunzelte er in sich hinein und konnte doch anschließend ein lautes Gelächter nicht unterdrücken.
Shar war währenddessen wieder in seinem kleinen Schlupfloch angekommen. Eigentlich hatte ihm Handir verboten sich zu entfernen, aber er hatte Hunger und Durst und beides gab es hier nicht. So schlich er noch früh morgens mit Schmerzen aus seinem Versteck und fand zum Glück noch etwas auf dem Boden vom Gasthaus ‚Zum gespaltenen Schädel’. Nicht viel, aber es beruhigte seinen Magen. Das gebrochene Handgelenk schmerzte immer noch und er hatte das Gefühl, dass es von Stunde zu Stunde qualvoller wurde. Um Malag machte er sich ebenfalls sorgen, konnte ihn aber auf seinem Weg nirgendwo entdecken. Aber der junge Halbdrow wusste auch, dass sein Freund gut auf sich selbst aufpassen konnte, aber er musste sich wieder verstecken. Auf seinem Weg hätte er beinahe noch einen Drow mit einer dunkelblauen Robe gestreift, schaffte es aber im letzten Moment noch zu entkommen. Zum Glück, dachte er und war daraufhin in seinem Loch verschwunden.
Der erste Tag schien unerträglich, nicht einmal Handir redete mit ihm. Er musste mitbekommen haben, dass er nicht brav war. Doch jetzt ließ sich nichts mehr ändern. Der zweite Tag brach an und erst jetzt erklang die Stimme seines Vaters im Kopf des jungen Halbdrow.
„Du musst noch warten, mein Sohn“, verkündete der Maskierte Fürst und ärgerte sich doch ein wenig, dass Shar sich über seine Anweisungen hinweg gesetzt hatte. Eine kleine Bestrafung musste sein, aber die Zeit rückte immer näher. Wollte er doch zuerst ihm die Schmerzen des gebrochenen Handgelenks nehmen, tat er nun nichts, um den Jungen zu heilen.
Shar weinte und fühlte sich plötzlich wie vor einigen Monaten. Er war alleine und die Qual wuchs. Doch er fand heraus, solange er den Arm nicht bewegte ging es ihm besser. Keine gute Aussicht, aber es gab keine andere Wahl. Der Hunger und Durst wurden unerträglich und er fiel in einen dämmrigen Schlaf. Handir beruhigte ihn durch Worte, aber es half nicht viel. Letztendlich entdeckte Shar in seinem Unterschlupf ein kleines Rinnsal, dass ihm die trockene Kehle befeuchtete, aber Essen gab es dennoch nicht. Nur einige Krummen Brot, die er noch von der Straße einsteckt hatte und die er sich einteilte. Seine neuen Nachbarn - Ratten, Spinnen und anderes Ungeziefer - plagten ihn und der Gestank in diesem Loch wurde ebenfalls immer unerträglicher. Am dritten Tag konnte der junge Halbdrow nicht mehr. Seine Kräfte schwanden und wenn er länger hier weilte, würde er noch verrückt werden, dachte er sich. Er musste von hier verschwinden.
„Mein Sohn“, hallte plötzlich die Stimme des Maskierten Fürsten im Geist des Jungen. „Ich möchte dass du zum Gasthaus gehst und dir etwas zu Essen holst. Bald steht das Licht des Narbondel am höchsten. Beeil’ dich.“
Vhaeraun kannte die Gedanken Shars und er entschied, der richtige Zeitpunkt sei gekommen. Die Zukunft wartete und das mitten auf der Straße. Dabei musste der Gott erneut innerlich lächeln. „Du hast deine Aufgabe gut gemeistert, mein Sohn. Ich gewähre dir 50 Jahre Glück.“
Shar verstand nicht recht, wollte er in jenem Augenblick auch nicht, er hatte einfach nur Hunger und Durst. „Ja, Vater“, war das einzige, was er antwortete und kletterte dabei aus seinem Versteck.
Es tat so gut wieder den Lärm von anderen Lebewesen zu vernehmen. So schnell, wie die Beine hergaben, schlich er sich an den Häuserwänden entlang und erspähte nur wenige Minuten später den Basar. Jetzt nur noch ein paar Straßen weiter und er war am Ziel seiner Sehnsüchte.
Als Shar am Rand des Basars entlang huschte, stets aufpasste niemanden zu nahe zu kommen und um sich unscheinbar zu machen, entdeckte er aus den Augenwinkeln plötzlich eine Gestalt, von der er niemals geglaubt hätte, sie noch einmal zu Gesicht zu bekommen. Er hielt inne und musterte neugierig was er da sah. Doch es gab keine Zweifel, obwohl er mehrmals die Augen zukniff und wieder öffnete. Ein freudiges Lächeln breitete sich auf den hageren und völlig verdreckten Gesichtszüge des jungen Halbdrow aus und er wusste, dort lief Zaknafein Do’Urden, sein Freund und bester Waffenmeister der Stadt. Vergessen war sogar der Hunger und Durst und ein Gefühl der absoluten Freude ergriff von ihm Besitz. Er hatte fast schon nicht mehr daran geglaubt, dass er Zak jemals wieder sehen würde. Doch das Glück schien ihm Hold und er erinnerte sich an die Worte von Handir: ‚Ich gewähre dir 50 Jahre Glück’. Er musste Zak damit gemeint haben, aber was bedeuteten 50 Jahre. Doch das war im Moment unwichtig, sagte sich der Junge und kannte doch nur zu gut die Bedeutung des Wortes „Glück“, was er ständig wiederholte. Jetzt versuchte Shar schneller voran zu kommen und rief dabei ohne Vorsichtig und lauter Stimme, „Zaknafein!“
Der Waffenmeister des Hauses Do’Urden hörte jedoch nichts und lief unvermittelt weiter. Er hatte einen Auftrag zu erfüllen, der ihm schwer auf dem Herzen lag, aber ihm blieb keine andere Wahl. Mit schnellen Schritten ging er durch die dichten Reihen der herumeilenden Dunkelelfen und Händler aller Rassen und versuchte so sein Ziel, die Akademie Malee-Magthere zu erreichen.
Doch der junge Halbdrow gab die Hoffnung nicht auf, er würde seinen Freund gleich eingeholt haben und dieser würde ihm helfen, da war sich der Junge ganz sicher. Doch plötzlich hörte er neben sich eine Stimme und hielt abrupt in allem inne. Shar kannte sie und doch wusste er im jenem ersten Augenblick nicht woher. Er drehte seinen Kopf und erschrak.
„Na, wen haben wir denn da? Ich sehe den kleinen Bastard. Männer, greift ihn euch!“, schrie Yazston, der Hauptmann von Nhaundars Soldaten seinen Männern zu und zog dabei sein Schwert. Ein Lächeln stahl sich auf die Gesichtszüge des Dunkelelfen, der sein Glück kaum fassen konnte. Monate lang dachte er, selbst Nhaundar Xarann, dass der Halbdrow verschwunden, vielleicht sogar tot war und nun tauchte er ganz unerwartet und mit Pauken und Posaunen vor ihm auf. Dieser kleine Bastard würde ihm nicht entwichen, schwor sich Yazston und hetzte eilig seinen Soldaten und dem überraschten Jungen hinter her, der gerade die Flucht ergriff.
Shars Herz pochte und sein Blut rauschte durch seine Adern. Die Furcht kroch in seine Glieder und vergessen war sogar die Erschöpfung der letzten Tage. Selbst das gebrochene Handgelenk ignorierte er und Shar rannte um sein Leben. Der Junge sauste in die entgegengesetzte Richtung von Zaknafein davon und wollte versuchen in den kleinen Gassen ein Versteck zu finden. Doch dabei traten ihm die Tränen in die Augen. Eben noch hatte er seinen Freund gefunden und nun floh er vor Yazston. Die Enttäuschung war groß, aber er musste versuchen diese schlimmen Gedanken zu verbannen, jetzt zählte nur noch die Flucht. Sein Leben stand auf dem Spiel, an dem er viel zu sehr hing. Während er rannte, schaute Shar immer öfters über die Schulter, damit er sich sicher sein konnte, dass er Abstand zwischen sich und die Soldaten brachte. Er kam an der Häuserecke an, wo er eben noch den Basar betreten hatte, und mit einem letzten Blick bog der junge Halbdrow um die Ecke. Abrupt prallte er mit Jemandem oder Etwas zusammen und taumelte im Eifer des Gefechts nach hinten. Die andere Person - ein jung aussehender und gleichzeitig groß wirkender Drow mit langen, weißen Haaren, lavendelfarbenen Augen und einer dunkelblauen Robe aus Samt - wurde von dem unerwarteten Zusammenprall umgerissen. Er verlor das Gleichgewicht, kippte nach hinten um, schlug hart auf dem Boden auf und blieb reglos liegen.
Shar fiel ebenfalls zu Boden und erneut spürte der Junge die heftigen Schmerzen in seinem gebrochenen Handgelenk. Die Tränen stiegen ihm in die Augen und von hinten hörte er die bedrohlichen Stimmen von Yazston und dessen Männern. Shar schüttelte den Kopf, versuchte damit die Überraschung und Schmerzen von sich zu streifen und rappelte sich auf. Irritiert betrachtete er den dort liegenden Dunkelelfen und wunderte sich. Aber Shar besaß noch so viel Verstand, dass er erkannte, dass dieser Jemand nicht ein einfacher Mann war. Er sah noch nicht einmal wie ein erwachsener Mann aus, sondern eher wie ein Junge, ein Junge wie er. Die Kleidung wirkte edel und sehr teuer. Eine seltsame Vorahnung nahm von Shar Besitz und gleichzeitig sah er eine Chance vor sich. Vielleicht hatte er diesen Jemand nicht um sonst gefunden. Und wenn doch, dann konnte er immer noch die Kleidung des Fremden verkaufen, um so an Geld zu kommen. So beschloss Shar den Bewusstlosen mitzunehmen und sich dann erst genaue Gedanken darüber zu machen, was er mit dem Drow tun konnte. Mit einem letzten Blick über die Schulter wusste er, Yazston wäre gleich bei ihm und die Zeit raste davon. Mit den letzten, in ihm steckenden Kräften, zog er mit der unverletzten Hand an einem Arm des Bewusstlosen und war froh, dass der Fremde anscheinend nicht viel wog, denn er konnte ihn hinter sich herziehen. Zwar war die Anstrengung schon Kräfte zerrend, doch Shar gelang es, den Fremden mit sich zu schleifen. Vhaeraun trug heimlich dazu bei. Shar war plötzlich mit ungewohnter Energie erfüllt und bog mit dem Drow um eine weitere Häuserecke. Dort fand er auch schon das Ziel. Es handelte sich um ein kleines Kellerloch, dass er bereits vor Monaten entdeckt hatte und hoffte, dass heute niemand anderer dort wohnte. Er versuchte sich zu beeilen und schaffte es in jenem Moment zu verschwinden, als Yazston sich der Stelle des Zusammenpralls näherte und verdutzt stehen blieb und niemand mehr sah.
„Sucht ihn, verdammt beeilt euch!“, schrie Yazston und bildete dabei die Vorhut.
Auf dem Dachfirst saß der Maskierte Fürst und beobachtete alles mit rot glühenden Augen aufmerksam und amüsiert zu gleich. In der Hand hielt er ein Beutel mit Mondstaub und ließ ihn in jenem Moment verschwinden, als Shar und der Magier in der dunkelblauen Robe ineinander prallten. Sein Haar glühte plötzlich golden auf und der Triumph schien ihm sicher.
„Na also, geht doch!“, ertönte seine tausendfach widerhallende Stimme über den Basar und er brach in schallendes Gelächter aus.
Was immer auch geschieht
Ein eiskalter Schauer jagte Shar plötzlich über den Rücken. Sein Herz pochte wild in seiner Brust und seine Knie fingen an zu zittern. Die tiefblauen Augen schauten weiterhin nach oben und direkt in ein rotes Augenpaar, das ihn wiederum neugierig musterte. Shar hielt den Atem an und dachte, dass er doch nicht so viel Glück hatte. Eine Gefahr war abgewendet geworden und die nächste lauerte gleich vor ihm.
„Ich danke dir, mein Kleiner“, erklang plötzlich eine freundliche Drowstimme und sie gehörte dem männlichen Dunkelelfen, der so unerwartet vor ihm aufgetaucht war und ihn immer noch interessiert beobachtete.
In dem dämmrigen Lichtschein der Gasse, die durch einige Kerzen aus den Fenstern und von vereinzelten anderen Lichtquellen herrührte, konnte Shar nicht viel erkennen und zum größten Leid, konnte er mit seiner wenig ausgeprägten Dunkelsicht noch weniger erfassen. Aber immerhin sah er so viel, dass er vor Überraschung laut die Luft in die Lungen sog. Vor ihm stand ein Drow. Er trug eine schwarze Lederhose, ein schwarzes dünnes Hemd und dazu einen schwarzen Umhang, der den Rest seines Körpers sehr gut verdeckte. Das lange, weiße Haar war nach hinten zusammen gebunden und diese Beschreibung kannte er noch gut. Keine Minute schien es her zu sein, als der Soldat nach diesem Mann gefragt hatte und nun hatte er den Flüchtigen widerwillig gefunden. Die gesprochen Worten trugen auch nicht sonderlich dazu bei, dass sich Shar bei dem Anblick besser fühlte. Doch wie war der Fremde hier her gekommen, wo doch zuvor absolut nichts war? Irritiert blickte er den Dunkelelfen an und dachte sogar, dass er träumte.
„Aber …“, begann Shar flüsternd zu antworten und brach augenblicklich ab, weil er nicht wusste, ob er überhaupt etwas sagen sollte, während die Angst ihm in die Glieder kroch. Sein Körper zitterte wie Espenlaub und fast hätte er nach Handir gerufen, aber er entschied sich noch zu warten. Denn je mehr er den Drow musterte, desto weniger wirkte er gefährlich auf ihn. Da erinnerte sich Shar an etwas anderes, lange Vergangenes. Sorn erzählte ihm einst, Reden wäre Silber und Schweigen wäre Gold. So oder so ungefähr musste es gewesen sein und bisher hatte sein Liebster stets Recht behalten. Somit wollte er sich an dieses Sprichwort halten und schloss den Mund, um sich anschließend nervös auf die Unterlippe zu beißen.
„Du hast mich nicht verraten, das war mutig von dir“, plapperte der Drow unerwartet auf Shar ein, wobei sein Blick sorgsam über die umliegende Gegend wanderte, immer auf der Hut, die Stadtwache könnte zurückkommen.
Es war Malag’edorl, der sich auf seiner Flucht hier im Schatten eines Gebäudes - wie ein wahrer Meister - geschickt zu verstecken verstand. So geschickt, dass weder die Priesterin, noch der anwesende Magier und die Soldaten ihn gesehen hatten. Er hatte gewartet bis die Wache nicht mehr zu sehen war und dann war er mitten auf die Straße getreten, direkt vor den Jungen, der ihm bewusst oder unbewusst geholfen hatte. Es hatte Malag’edorl selbst überrascht, dass der Kleine hier so unvermittelt aufgetaucht war, aber da gleichzeitig keine Bedrohung von einem verwahrlostem Kind ausging, dass vor ihm zitterte, als gäbe es kein Morgen mehr, beschloss er höflich zu sein. Wenn der Junge tatsächlich etwas wusste, dann konnte er immer noch rechtzeitig eingreifen und sich unliebsame Zuschauer eilig vom Hals schaffen. Immerhin war er Assassine und sein neuster Auftrag hatte ihn erst hier her geführt. Nun war seine Aufgabe erfüllt, jetzt galt es einige Tage ruhig abzuwarten und dann konnte er sich erneut auf den Straßen blicken lassen ohne Aufmerksamkeit zu erregen.
Den Hauptmann Urlryn kannte er gut genug, um zu wissen, dass dieser mehr Probleme mit der Priesterin hatte, als sich um einen flüchtigen Drowassassinen den Kopf zu zerbrechen. Dieses Geheimnis verwahrte er sicher in seinen Hintergedanken, als Malag’edorl sich in jenem Moment daran erinnerte, dass Urlryn sich in die Priesterin Nathayne – seine Vorgesetzte – verliebt hatte. Bei diesem Gedanken hätte Malag’edorl am liebsten laut aufgelacht, unterdrückte diese Emotion jedoch gleich wieder. Er erinnerte sich lieber an den Gesichtsausdruck des Soldaten und wie er mit dem Halbdrow umgesprungen war, als würde er mit einem Säugling reden. Doch der Junge vor ihm wirkte weder dumm noch auf den Mund gefallen, er schien einfach nur Angst zu haben. Die Frage, was der Junge erst hier zu suchen hatte, beschäftigte ihn. Dies war keine Gegend wo ein verwahrloster Halbdrow so einfach auf der Straße oder in dunklen Gassen herum laufen sollte, wenn er Interesse besaß am Leben zu bleiben. Der Wissensdurst wurde größer und so blickte Malag’edorl mit unverhohlener Neugier auf Shar hinab.
Er sah vor sich einen jungen Halbdrow mit kurzen und verdreckten weißen Haaren, die ihm unordentlich auf seinem Kopf wuchsen und schon lange nicht mehr gewaschen oder gekämmt worden waren. Dazu sah er das dünne Gesicht, mit Narben auf der linken und rechten Wange. Am hageren Körper trug der Junge eine zerrissene Wollhose und darüber ein löchriges und abgenutztes Hemd. Schuhe hatte er nicht an dafür stach ein weiteres Detail in Malag’edorls Augen. Ein eisernes Sklavenhalsband und eines, das sehr in Mitleidenschaft gezogen schien. Der Kleine war also ein Sklave, schlussfolgerte der Assassine. Ob er nun seinem Herrn abgehauen oder unachtsam auf die Straße geworfen worden war, dass spielte keine Rolle. Vielleicht wollte der Besitzer sich nicht die Hände schmutzig machen. Bei diesem Gedanken begann sich etwas in Malag’edorl zu regen. Er verstand nicht was, doch eines wusste er, er schuldete dem Jungen sein Leben und es störte ihn nicht, dass der Junge ein Halbdrow war. Hätte er die Wache nicht abgelenkt, dann wäre die Situation vielleicht anders ausgegangen. So entschied sich der Drowassassine für etwas, dass er niemals zuvor in seinem Leben getan hatte. Er erhob freundlich und ohne Hinterlist seine Stimme und sprach den Halbdrow erneut an, der ihn immer noch ungläubig anstarrte und bebte.
„Hast du Hunger? Ich möchte dir gerne für die Rettung meines Lebens etwas zu Essen geben und vielleicht hast du ja ein wenig Lust zu reden?“, wollte der Dunkelelf mit wahrem Interesse wissen. „Ich heiße Malag“, fügte er anschließend hinzu und benutzte dabei nur den ersten Teil seines wahren Namens. Alles sollte der Junge ja nicht von ihm erfahren. Sicher war sicher. Dabei lächelte er.
Shar schaute immer noch mit einer Mischung aus Unglauben und Angst zu dem Drow hinüber und wusste noch nicht, was er denken sollte. Aber die Art, wie sich der Mann gab, auch wenn es sich um einen Dunkelelfen handelte, wirkte überhaupt nicht bedrohlich. Wenn ihn der Fremde umbringen wollte, dann hätte er schon mehrmals die Gelegenheit dazu gehabt. Außerdem hatte Shar nichts getan, was sein Gegenüber dazu veranlassen konnte. Dazu kamen das ruhige Sprechen und das freundliche Lächeln. Irgendwie erinnerte es ihn an Sorn. Es kam aus tiefstem Herzen heraus, wie er es gewohnt war. Keine List und Tücke versteckte sich dahinter. Als nun noch das Wort „Essen“ fiel, wusste Shar die Antwort. Wann würde er schon auf der Straße einfach über eine Mahlzeit stolpern oder gar geschenkt bekommen. Im Bruchteil weniger Sekunden stand die Entscheidung fest.
„Ja, mein Herr“, piepste Shar leise und versuchte dennoch seine Stimme kräftiger klingen zu lassen. Dabei schaute er den Drow vor sich mit einem festen Ausdruck an, um zu zeigen, dass er auf der Hut blieb.
Malag sah es und musste grinsen. Der Junge gefiel ihm und er schien etwas an sich zu haben, das ihn immer weiter in den Bann zog. Mutig und doch schüchtern. Er freute sich schon auf die Informationen des Jungen und daraufhin lächelte er breiter. „Ich bin Malag, einfach nur Malag. Nenn’ mich nicht Herr“, meinte der Assassine freundlich und ergänzte augenblicklich. „Lass’ uns von hier verschwinden, die Wache könnte zurückkommen. Ich kenne einen Ort wo wir beide willkommen sind.“
Shars Augen weiteten sich bei dieser Aussage und nun zog auch ihn etwas in den Bann des Fremden. Er ähnelte wirklich Sorn und die Erinnerungen an seinen Liebsten schmerzten einige Atemzüge in seiner Brust. Doch er versuchte es zu verdrängen und sich erst einmal auf den Drow mit Namen Malag zu konzentrieren. Die Furcht vor Gefahr fiel allmählich von ihm ab und Shar verstand, dass die Worte von Malag der Wahrheit entsprachen.
„Wie heißt du eigentlich, mein Junge?“, unterbrach der Dunkelelf die Gedanken des jungen Halbdrow und wies gleichzeitig mit der Hand in eine Richtung, die Shar zuvor niemals aufgefallen war. „Wir verschwinden über einen anderen Weg, der ist sicherer als die Hauptstraße und diese Gasse hier.“
Shar nickte instinktiv und beschloss, dem Fremden einfach zu vertrauen. Wenn etwas schief gehen sollte, dann rief er gleich nach Handir, sagte er zu sich selbst und antwortete Malag anschließend mit kräftiger Stimme.
„Ich heiße Shar. Aber … aber wohin gehen wir?“, wollte der Junge wissen und folgte Malag dabei mit interessierter Miene.
„Ins Gasthaus ‚Zum gespaltenen Schädel’“, verkündete der Assassine grinsend und wusste, dass sie dort vor allen unliebsamen Blicken geschützt waren. Denn das Gasthaus befand sich am Rand zwischen Ostmyr und Braeryn und dort verkehrte alles und jeder, selbst entflohene Sklaven. Es handelte sich um eine der finstersten Spelunken, die man in Menzoberranzan finden konnte und von der obersten bis zur untersten Gesellschaftsschicht tummelte sich dort alles. Machenschaften und Intrigen, Mord und Todschlag und selbst die fleischlichen Gelüste wurden für jeden in allen möglichen Träumen erfüllt. Ein Ort, wo niemand die beiden suchen würde und Malag mehr als einmal zu finden war.
Eine Stunde später saßen Shar und der Drowassassine Malag’edorl zusammen an einem der hintersten Tische im Gasthaus ‚Zum gespaltenen Schädel’. Vor ihnen stand ein Krug Wein, zwei gefüllte Becher und jeweils ein voller Teller mit dampfendem Essen.
„Greif’ zu und iss“, forderte Malag Shar auf und griff im gleichen Moment nach dem vollen Becher Wein und leerte ihn in einem Zug. Dann stellte er ihn ab und füllte ihn erneut.
Shar sah skeptisch drein. Nicht wegen dem Essen, dass duftete wie ein Festmahl, obwohl es nur gebratenes Fleisch und Pilze gab. Es lag eher an der Tatsache, dass er niemals zuvor Alkohol zu sich genommen hatte. Ferner irritierte ihn diese fremdartige Umgebung. Doch er gestand sich auch ein, dass Malag Recht behalten hatte, hier achtete niemand auf sie. Es schien niemanden zu interessieren, dass Shar ein Halbdrow war. Alles und jeden konnte man hier antreffen, wenn man denn nur genau hinschauen wollte. Das tat der Junge. Hier lungerten Dunkelelfen, Orks, Goblins, Zwerge - vor allem Grauzwerge - herum, Sklaven - vom Oberflächenelf bis zu einem niederen Chintine - drängelten sich zwischen den Tischen und hier und da gab es auch Menschen, Tieflinge und Rassen, die er niemals zuvor gesehen hatte. Selbst drei Halbdrow konnte Shar erkennen, dass ihm sein Herz ein wenig höher schlagen ließ. Er war nicht alleine und das gab ihm mehr Sicherheit, auch wenn diese Umgebung alles andere als einladend auf ihn wirkte. Lautes Gegröle drang von jeder Ecke in eine andere und die Stimmung war ausgelassen.
„Dann erzähl mal, mein kleiner Shar“, unterbrach nun Malag die Gedanken des Jungen und spießte sich ein Stück Fleisch auf ein Messer.
„Wo kommst du her? Was machst du und den Rest gleich mit“, fragte der Dunkelelf und biss anschließend von dem Fleisch ein großes Stück ab. Kauend beobachtete er den jungen Halbdrow und ließ es ich schmecken.
Jetzt war Shar in der Zwickmühle. Was sollte er antworten? Denn wenn er etwas in den Straßen von Menzoberranzan gelernt hatte und an die Worte von Handir in der Höhle zurück dachte, dann gab es nur eines, er musste versuchen zu lügen. Von seinem Vater konnte er nichts erzählen. Von Sorn genauso wenig und von seinem Freund Zaknafein erst recht nichts. Da Nhaundar, laut Aussage des angeblichen Handirs, ebenfalls nicht mehr dazu zählte und er somit keinen Herrn besaß, grübelte Shar sorgfältig über die Antwort nach. Da kam ihm die Idee, er würde einfach von Veszmyr erzählen.
„Ich komme von Veszmyr Zolond. Er hat ein Geschäft … ein …“, dann musste Shar unterbrechen, weil ihm nicht einfiel, was der widerliche Händler überhaupt tat. Angestrengt überlegte er und dann versuchte er es von neuem. „Ich habe bei ihm Flaschen und Fässer sauber gemacht.“
Malag hörte die Worte und wusste sogleich, dass er eben nur die Hälfte der Wahrheit gehört hatte. Er erkannte die plötzliche Nervosität des Jungen und wie er stockte. Doch den gerade genannten Namen kannte er nur zu gut und er wusste, dass der ältere Dunkelelf ein Spirituosenhändler und dazu ein sehr gefährlicher Geschäftsmann war. Er wusste, auch, dass der Junge nicht lange bei diesem Händler gewesen sein konnte, sonst wäre er schon längst tot. Der Junge log und Malag konnte es Shar nicht verübeln. Aber auf eine gewisse Art und Weise gefiel ihm sein Gegenüber und er empfand etwas, dass dem Gefühl der Vertrautheit nahe kam. Dann spießte er sich ein weiteres Stück Fleisch auf und ließ es im Mund verschwinden.
„Er hat dich einfach gehen lassen?“, fragte Malag gleich hinter her, nachdem er sein Essen mit einem Schluck Wein herunter gespült hatte.
Shar nickte lediglich und schaute leicht verstohlen auf seinen vollen Teller hinab und beschloss lieber den Mund zu halten.
„Greif zu, sonst wird es kalt“, meinte der Assassine freundlich und amüsierte sich darüber, dass der junge Halbdrow kein Talent im Lügen besaß. Er sollte erst einmal etwas zu sich nehmen und dann könnten sie immer noch ein tief greifendes und vor allem wahres Gespräch führen.
Das ließ sich Shar nun nicht zweimal sagen und er griff mit beiden Händen zu. Er verschlang sein Essen und schaute kein einziges Mal auf. Erst als er satt und völlig zufrieden sich nach hinten lehnte, sah er Malag wieder an.
Malag’edorl beobachtete den Halbdrow währenddessen genauer und erkannte, dass der Junge wahrlich nicht lange überleben würde, wenn er so weiter machte. Wie lange er wohl schon auf der Straße lebte und wie er erst dort hinkam, fragte Malag sich dabei. Der Junge wirkte ganz und gar nicht wie ein Arbeitersklave, sondern eher wie jemand, der in seinem Leben nicht viel zu sehen bekommen hatte. Das plötzlich schüchterne Verhalten und das mutige Wesen, passten nicht so ganz in das Bild eines Straßenkindes. Der Kleine schien mit jeder Minute interessanter zu werden und die Neugier wuchs. Als Malag nun einen satten Shar vor sich sah, wollte er jetzt die Wahrheit wissen.
„Shar, du hast gelogen …“, begann der Assassine ruhig auf den Jungen einzureden, hob sogleich aber eine Hand und bedeutete ihm, keine Angst haben zu müssen und sprach eilig weiter. „Du brauchst dich nicht zu fürchten, ich werde es niemandem verraten. Aber mich interessiert die Wahrheit, denn du stammst nicht von der Straße, hab ich recht?“
Der junge Halbdrow sah betreten zu Boden und biss sich im gleichen Moment auf die Unterlippe. Lügen konnte er wirklich nicht und das brachte wieder sein Herz heftig zum pochen. Die Schweißperlen traten auf seine Stirn und er fühlte sich plötzlich gar nicht gut. Auf solch eine Situation war Shar nicht vorbereitet und er überlegte fieberhaft, was er tun könnte. Doch ihm fiel nur eine Lösung ein und das war genau das, was Malag gemeint hatte, er sollte bei der Wahrheit bleiben. Shar schluckte merklich, schaute mit seinen tiefblauen Augen zu dem Dunkelelfen hinüber und nickte lediglich.
Malag seufzte leise auf, freute sich jedoch gleichzeitig, endlich weiter gekommen zu sein. Er griff nach seinem Weinbecher und schob mit der anderen Hand den noch nicht angerührten Becher Shar hinüber.
„Shar heißt du aber?“, fragte Malag und erhielt ein Nicken. „Da trink etwas und dann werden wir uns richtig unterhalten“, forderte Malag’edorl den Jungen auf und dabei huschte ihm ein charmantes Lächeln über die attraktiven Gesichtszüge.
Wieder nickte Shar und tat, wie ihm geheißen. Er hatte wahrlich Durst und wenn andere Wein trinken konnten, dann er auch. So griff er nach dem vollen Becher und trank.
Zwei weitere Stunden verstrichen wie im Fluge und der Wein lockerte Shars Zunge ohne dass er es merkte. Es schmeckte köstlich. Shar erzählte plötzlich frei und ungezwungen und ein völlig faszinierter Malag’edorl hörte aufmerksam zu. Der Dunkelelf hatte schnell begriffen, dass der junge Halbdrow niemals zuvor Alkohol zu sich genommen hatte und dass aus seinem Mund nichts anders als die Wahrheit kam. Doch Shar musste man zu Gute halten, dass er trotz des benebelten Bewusstseins nichts von seinem Vater und den beiden Zwillingen Sorn und Nalfein Dalael erzählte.
Im Verlauf des Gespräches erfuhr Malag, dass der Junge einst ein Liebessklave gewesen war. Dazu noch bei einem Sklavenhändler, den er vom Namen und von seinen Methoden her kannte. Davon erwähnte der Assassine jedoch nichts und sagte sich, dass Shar jetzt auf der Straße besser aufgehoben war, als bei dem alten Hurenbock, aber nur wenn er es richtig anstellte. Dann wurde das Gespräch interessanter, als er von dem Waffenmeister Dantrag Baenre hörte. Immer mehr Details kamen über die lockere Zunge des Jungen und selbst von Zaknafein Do’Urden berichtete Shar. Er berichtete von den Übungsstunden und von seiner tollen Entdeckung mit dem Langschwert, dass er leider verloren hatte.
Somit erfüllte sich der schlimmste Alptraum Nhaundar Xaranns, der bei sich Zuhause ruhte und sich an dem bereits fertig gestellten Bild seines Lustsklaven ergötzte und ärgerte, wieso er dem Jungen so viele Geheimnisse anvertraut hatte.
Irgendwann, Malag wusste selbst nicht, wie lange er mit Shar hier gesessen hatte, merkte er, dass es langsam Zeit wurde sich von hier zu verabschieden. Doch der Junge wuchs ihm irgendwie ans Herz. Das ganze Gespräch wirkte wie eine glückliche Fügung des Schicksals und er brachte es nicht fertig, Shar einfach stehen zu lassen. Nachdem er nun auch wusste, dass der junge Halbdrow danach wieder in Gefahr schwebte, kam ihm eine seltsame, aber machbare Idee.
Mit seinen 250 Jahren, mit der Erfahrung auf den Straßen und durch sein Risiko als Assassine, kannte sich Malag’edorl bestens hier aus. Er kannte Verstecke, Abkürzungen und hier und da noch weitere nützliche Orte, die wohl auch Shar helfen konnten zu Überleben. Außerdem besaß der Junge etwas, dass ihn anzog. Die Lösung lag auf der Hand, man musste sie nur in die Tat umsetzen.
„Shar, möchtest du mit mir kommen? Du kannst bei mir übernachten, aber vorher musst du dich dringend waschen“, verkündete Malag stolz und musterte neugierig den Jungen, wie er darauf reagierte.
Der junge Halbdrow wirkte überrascht, aber nicht ängstlich. Vielleicht lag es an dem Wein und so kannte er augenblicklich die Antwort. Shar nickte und freute sich plötzlich, dass alles auf einmal so leicht schien.
Eine dritte Person hatte alles aufmerksam verfolgt und lächelte zufrieden vor sich hin. Der Maskierte Fürst freute sich darüber, dass alles bestens verlief. Dabei gratulierte er sich selbst. Shar hatte seine erste Aufgabe mit Bravur gemeistert und all die anderen Aufgaben würden bald kein Problem mehr darstellen.
Die Begegnung zwischen dem Drowassassinen Malag’edorl und dem jungen Halbdrow Shar endete im Zimmer des Dunkelelfen - nicht allzu weit entfernt von dem Gasthaus ‚Der gespaltene Schädel’. In einem herunter gekommenen Haus hatte Malag ein recht bescheidenes Zimmer im dritten Stock gemietet. Hier wohnten nur Drow aus der untersten Gesellschaftsschicht. Das hatte den Vorteil, dass sich niemand um den anderen kümmerte, somit auch nicht um einen Mann, der plötzlich einen Halbdrow mit zu sich nahm. In Malags Unterkunft gab es aber immerhin ein Bett, einen Tisch, sogar zwei Stühle und einen Schrank. Hier und da lagen seine Dinge zerstreut auf dem Boden herum und mit der Ordnung war es schon länger her. Das störte Shar allerdings nicht, er freute sich darauf zu baden, so wie es ihm Malag versprochen hatte. Mittlerweile ging der Junge sogar dazu über, den Drow als einen Freund anzusehen. Ein Fremder war er seit dem Essen in dem seltsamen Gasthaus nicht mehr und die Einladung trug wesentlich dazu bei.
Der Assassine selbst sah in Shar eher etwas, dass sein Leben bereichern könnte. Er mochte ihn und wollte auch helfen, aber Freundschaft würde er nicht zulassen, dazu war er zu sehr in seine Lebensweise eingebunden. Er konnte nicht so einfach jemandem vertrauen. Aber man sollte niemals nie sagen und die Zeit würde alles Weitere bringen, oder auch nicht? Auf dem Weg in sein bescheidenes Heim kam Malag’edorl jedoch noch ein anderer Gedanke und ein wenig schämte er sich dafür. Aber er wusste, wie der Junge überleben konnte, ob es ihm gefiel oder nicht. Wenn Shar tatsächlich einst ein Lustsklave war, so wie er behauptete, dann könnte er sich anderen anbieten, ganz wie all die Prostituierten auf der Straße, ob männlich oder weiblich, ob Drow oder eine andere Rassen. Diesen Vorschlag hielt er aber erst einmal zurück. Man sollte nicht einfach mit der Tür ins Haus fallen und er wollte seine Einladung für die Nacht einhalten, dafür hatte ihn der Halbdrow vor Schlimmeren bewahrt.
Shar, der immer noch vom Wein leicht benebelt war, bekam von alldem nicht viel mit. Er war schläfrig, aber freute sich insgeheim darauf, dass er bald weder stinken noch furchtbar aussehen würde. Malag steckte den Jungen in einen kleinen Badezuber, der gerade mal ausreichte, sich auf den Hosenboden zu setzen und dann wurde er von kaltem Wasser übergossen. Ein wenig Seife half nach, den Schmutz von fast einem Monat herunter zu spülen und anschließend stand ein frierender Shar - nackt wie er geschaffen wurde - vor dem Dunkelelfen und schaute ziemlich bedauerlich aus. Das Haar hing nass, aber weiß herunter, die Haut glänzte wieder hell, doch die Narben stachen jetzt deutlich hervor.
Malag musterte mit einem gewissen Interesse die Tätowierungen auf der Haut von Shar und sie wirkten auf ihn anziehend. Er selbst besaß auch eine Hautbemalung in Form eines weißen Totenkopfes auf dem Rücken. Das schien in jenem Moment jedoch zweitrangig. Der Dunkelelf beobachtete lieber den jungen Halbdrow weiter. Shar war dünn, aber dennoch reizvoll, besonders als er nun nackt und ohne jedwede Hemmung einfach stehen blieb und mit einem kleinen Schmollmund zu dem Assassinen nach oben schaute.
Mein Junge, ich glaube ich kenne den Grund, wieso dein Herr dich nicht so einfach gehen ließ, dachte sich Malag und war mit einem Mal völlig fasziniert. Er blickte plötzlich in helle und klar leuchtende Augen, die eine kindliche Unschuld ausstrahlten, dass ihm fast das Herz aus der Brust springen wollte. Dazu gesellte sich das junge Aussehen und das freundliche Wesen, welches Shar ihm bereits im Gasthaus gezeigt hatte. Er spürte plötzlich ein Ziehen in seinen Lenden und er wusste, dass er den Kleinen vor sich haben wollte. Nicht gewaltsam dafür freiwillig. Malag’edorls Hände wanderten zum eigenen Hemd und er öffnete langsam die Knöpfe, einen nach dem anderen. Dabei fixierte er den Blick des Jungen, der immer noch stehen blieb und gar nichts tat. Bei diesem Verhalten konnte er sich sicher sein, dass Shar nicht beabsichtigte sich zu wehren. Es dauerte nicht einmal fünf Minuten und beide landeten zusammen auf der einfachen Matratze im Zimmer des Assassinen.
Der junge Halbdrow hatte tatsächlich keine Angst und alles was Malag mit ihm tat, erinnerte ihn bei jedem Atemzug an Sorn. Er war sanft und nicht allzu fordernd. Shar spürte keine Schmerzen und fühlte sich sogar wohl in den Armen des Drow. Er verspürte auch kein schlechtes Gewissen und alles was er tat, tat er mit Hingabe und aus freien Stücken. Alles war plötzlich in bester Ordnung.
Am nächsten Morgen verabschiedeten sich Malag’edorl und Shar voreinander. Der junge Halbdrow trug wieder die alte Kleidung, stank jedoch nicht mehr. Malag erklärte ihm zuvor noch einige Dinge, die dem Jungen durchaus weiter halfen. Darunter auch von seinem Gedanken am Vorabend und dass Shar sich wie viele andere anbieten sollte und somit zu Essen kam. Der Dunkelelf warnte ihn tagsüber sehr genau aufzupassen und vorsichtig zu sein, allen unliebsamen Begegnungen auszuweichen und nachts sowieso. Etwas enttäuscht aber dennoch froh, dass der Dunkelelf ihm keine Gewalt noch sonstiges angetan hatte, trug wesentlich dazu bei, dass Shar einwilligte den Rat auszuprobieren. Außerdem gab es immer noch Handir. Malag erzählte ihm jedoch noch mehr. Er wünschte, dass Shar öfters bei ihm vorbei schaute. Natürlich äußerte der Assassine nicht, dass er Gefallen an dem jungen Halbdrow fand. Wenn der Junge käme würden stets ein Essen und höchstwahrscheinlich auch ein Bad dabei herausspringen. Die Bezahlung fand im Anschluss im Bett statt. Shar willigte ein und schien sogar glücklich, solch einen Glücksgriff gemacht zu haben.
Bei der Verabschiedung an Tür kam der letzte Rat, den Malag dem Halbdrow mit auf den Weg gab, um Shar ein wenig zu helfen. Er erwähnte, dass der Besitzer des Gasthauses ‚Zum gespaltenen Schädel’ jeden Tag um die gleiche Zeit – immer dann, wenn das Licht von Narbondel am höchsten stand - er die Essensreste in die Seitenstraße kippte, wo sich um die Ecke der Eingang befand. Wer Erster oder schnell genug war, der konnte durchaus noch angenehme Essensreste ergattern. Das er es selbst schon mehrere Male getan hatte, verschwieg er gekonnt. Die Warnung, dass der Junge stets auf der Hut sein musste, wiederholte er dabei ständig. Gerade, als er die Tür endgültig schließen und verriegeln wollte, kam ihm ein allerletzter Gedanke. Er hielt Shar nochmals auf, rannte zurück ins Zimmer und drückte dem völlig verdutzen jungen Halbdrow ein kleines Messer in die Hand.
„Steck’ es ein und pass darauf auf. Es ist kein Geschenk, denn jedes Mal, wenn du wieder kommst, gibt’s du es mir zurück, verstanden?“, meinte Malag freundlich und hoffte, dass er jetzt nicht als ein verweichlichter Idiot dastand.
Shar riss vor Überraschung die Augen auf und konnte es kaum glauben, aber das Messer war echt. Er nahm die Klinge in die Hand und fühlte den Griff fest unter seinen Fingern. Der Junge wusste jedoch genau, dass dies ein Geschenk war und dass sein neuer Freund sich wohl tatsächlich um ihn Sorgen zu machen schien. Ganz tief in sich spürte Shar die Freude darüber und am liebsten hätte er den Dunkelelfen vor sich umarmt. Davon ließ er aber gleich ab, denn seit gestern hatte auch er den jungen Drow vor sich ein bisschen kennen gelernt. Alles deutete daraufhin, dass es wohl eine längere Beziehung werden würde und beide verstanden sich, auch ohne Worte. Malag hatte soviel von seinem Liebsten und mit diesem wusste er umzugehen. Shar war stolz auf sich. Denn in jenem Moment, als er das kleine Messer in der Hand hielt, wurde er zu jemand anderem. Nun wollte er jedem zeigen, dass er mehr wert war, mehr wert, als alle immer von ihm dachten. Niemand sollte ihm ein Leid antun und er würde zeigen was in ihm steckte. Dieses Messer wollte er in Ehren halten.
Mit einem Lächeln auf den Lippen verabschiedeten sich beide voneinander und in einigen Tagen wollten sie sich erneut treffen.
Malag schloss die Tür hinter sich und Shar ging die Treppe hinunter. Hinaus auf die Straßen von Menzoberranazan, die ab sofort sein neues Zuhause sein würden.
Aus dem ersten Tag alleine in der Stadt der Spinnenkönigin wurden weitere und so verflog die Zeit wie im Fluge. Vhaeraun achtete sehr sorgsam auf das Wohlbefinden des Jungen, der sich tapfer auf den Straßen der Stadt behauptete. Der Maskierte Fürst unterstützte seinen Schützling selbst mit Zaubern, wenn die Situation brenzlig wurde und tarnte es geschickt durch die Stimme des angeblichen Vaters. Sie unterhielten sich hin und wieder und Shar schien wie ausgewechselt. Er achtete sorgfältig auf alles, was sich ihm in den Weg stellte. Ging den Dunkelelfen und allen anderen Gefahren aus dem Weg, auch wenn es hin und wieder zu Zwischenfällen kam, die auch mal mit Verletzungen für Shar endeten. Vhaeraun wollte aber keinen Feigling und so musste der junge Halbdrow diese Lektion bitterlich lernen. Der Junge hielt sich in all jener Zeit auch an die Worte des Drowassassinen Malag’edorl und nahm auch dessen Ratschläge an. Es funktionierte. Was sich am Anfang vielleicht als Problem hätte entwickeln können, wurde zum Schluss etwas, worin Shar wahrlich Talent bewies. Durch sein unschuldiges und junges Aussehen, stellte es bei dem richtigen Verhalten kein Hindernis da, sich wie viele Frauen und andere – Männer, Frauen und Kinder anderer Rassen – sich ein Essen durch körperliche Befriedigung zu besorgen. Der junge Halbdrow lungerte dabei zwar mit mulmigem Gefühl, dennoch voll von sich überzeugt, an Kneipen und Spelunken herum und beobachtete die Frauen, was diese Taten um an Freier zu kommen. Das was sie konnten, kannte Shar schon lange. Innerhalb mehrerer Tage hatte der Junge es geschafft, dass sich Männer für ihn begeisterten, Frauen mochte er nicht und so blieb er ihnen gerne fern. Es handelte sich dabei nicht um junge und hübsche Dunkelelfen, auch nicht um hochbetuchte Adelige, die er gut kannte, dafür waren es einfache und ältere Männer, die froh zu sein schienen, dass sich überhaupt jemand für sie interessierte und dazu spendierten sie Shar etwas zu Essen und hin und wieder fand er dort auch einen Schlafplatz, die sich nicht an einem Halbdrow störten. Ansonsten streifte er durch Gassen und suchte sich ein verlassenes Versteck. Das Messer gab ihm dabei immer wieder von neuem Mut. Durch seinen dünnen Körper passte er manchmal in kleine Häuserspalten und Kellerlöcher, wo so mancher Schwierigkeiten hatte.
Der Ratschlag sich auch in der Nähe des Gasthauses ‚Zum gespaltenen Schädel’ herum zu drücken und zu warten, bis der Wirt das Essen unachtsam wegwarf, war eine Goldgrube. Am Anfang schaffte es Shar nur klägliche Reste vom Boden aufzuklauben, doch mit der Zeit hatte er den Trick heraus, zwischen den ganzen Straßenkindern, Bettlern und allen anderen herumlungernden Individuen sich zu behaupten. Es war nie viel, aber es reichte zum überleben.
Nach den ersten Tagen in Menzoberranzan, ganz alleine und immer noch am Leben, machte Malag’edorl sein Versprechen war und fand Shar auf der Straße. Der junge wirkte zwar müde, aber ansonsten schien er sich bester Gesundheit zu erfreuen. Dabei konnte der Assassine ein Grinsen nicht unterdrücken und nahm den jungen Halbdrow mit zu sich.
Lange Zeit ging es gut und mittlerweile schrieb man den Monat Eleint im Jahre 1325 TZ. Der Junge würde in einigen Tagen seinen 50. Geburtstag feiern, aber davon ahnte er nichts. Seit dem unheilsvollen Fest im Haus des Sklavenhändlers Nhaundar Xarann waren neun Monate vergangen und aus Shar war ein Straßenkind geworden. Er lernte zu stehlen was er nicht bekam, und wenn es Probleme gab, dann hatte er sein Messer. Das versuchte er aber nicht einzusetzen, höchstens zur Abwehr. Auch dies kam hin und wieder einmal vor und zum Schluss hatte Shar einige Narbe mehr. Der junge Halbdrow konnte sich plötzlich in den finsteren Gassen der Stadt der Spinnenkönigin behaupten. Aus der ursprünglich nicht gewollten Freundschaft, wie der junge Dunkelelf Malag es sich ausgemalt hatte, entwickelte sich doch eine Kameradschaft. Shar genoss die Zeit, in denen er sich sicher im Zimmer des Drow befand und genau wusste, hier konnte ihm nichts passieren. So dachte er immer bis ihn eines frühen Morgens die Stimme von Malag aus dem Schlaf riss.
„Du musst aufstehen! Los, mach schnell!“, hetzte der Assassine und in seinem Tonfall klang die Dringlichkeit scharf und unverkennbar heraus.
„Was … was ist los?“, wollte Shar wissen, der sich die Müdigkeit gerade aus den Augen rieb und sich dabei im Bett aufsetzte. Gleich darauf flogen seine Hose und Hemd auf ihn hernieder, während er beobachte, wie Malag sich rasch die eigenen Kleider überstreifte.
„Du musst hier verschwinden, sie haben mich gefunden“, erklärte der Drow hastig und funkelte den Jungen mit rot glühenden Augen an, dass er sich beeilen sollte.
Shar tat wie ihm geheißen, fragte sich jedoch gleichzeitig, was das alles zu bedeuten hatte. Noch niemals war hier etwas geschehen, was ihn in Schwierigkeiten oder Gefahr brachte. Aber genau das zeichnete sich gerade unheilsvoll ab. Malag wirkte angespannt und ziemlich nervös. Der Junge blickte auf seinen Freund, während er sich selbst anzog und ihm entging nicht, wie dieser irgendetwas in einen Rucksack packte und anschließend seinen Waffengürtel, Stiefel und Umhang überstreifte.
„Hast du dein Messer?“, fragte Malag jetzt noch drängender, hielt plötzlich inne und begann zu lauschen.
„Ja“, flüsterte der junge Halbdrow zappelig und steckte in jenem Moment die kleine Klinge in seinen Hosenbund, die eben noch auf dem Boden lag.
„Dann verschwinden wir von hier, aber aus dem Fenster“, befahl der Assassine und schnappte sich das Handgelenk des Jungen. Er zog ihn auf die Beine und zusammen liefen sie zu dem einzigen Fenster im ganzen Raum.
Shar wollte schon fragen was hier vorging, da hämmerte es laut und drohend an der verriegelten Tür. Er erschrak und sein Herz raste plötzlich ängstlich.
„Mach schon“, drängte Malag erneut und kletterte in jenem Moment auf den Fenstersims und hielt dem jungen Halbdrow eine helfende Hand hin. „Du musst mir folgen und pass’ dabei auf“, flüsterte er und zog den Jungen am dünnen Gelenk jetzt zu sich herüber.
Shar zitterte und konnte seine Furcht nun nicht verbergen. Er war noch niemals aus einem Fenster geklettert und erst recht nicht aus einer Höhe, die ihn schwindlig machte. Als er nämlich Malag folgte und nach unten schaute raste der Boden auf ihn zu und gleich wieder davon. Sein Magen begann sich seltsam zu fühlen und der Schweiß trat auf die Stirn. Sein Herz raste nun noch schneller und die Hände begannen zu schwitzen.
„Aber das geht doch nicht“, versuchte der junge Halbdrow zu protestieren und blickte in jenem Moment zurück in das Zimmer.
Doch fast war es zu spät. Die Tür wurde eingetreten und dahinter kamen Dunkelelfen zum Vorschein. Soldaten um genauer zu sein und sie sahen in Richtung des Jungen und dann zu Malag hinüber.
„Er versucht zu fliehen!“, rief einer der Männer und schon polterten Ledersohlen über den Holzboden auf Malag’edorl und Shar zu.
Ohne weiter auf den jungen Halbdrow einzugehen, schnappte sich der Assassine Shar und schlang sich dessen Arme um seinen Hals, damit er ihn nicht verlor. „Halte dich gut fest und schaue nicht nach unten“, gab er noch die Anweisung und begann ohne weitere Erklärungen zu klettern. Er hielt sich an einem Seil fest, das wie aus dem nichts plötzlich nach unten hing und bewegte sich dabei schnell und wendig auf den Boden zu.
Das Herz des Jungen klopfte immer schneller und von oben drangen die bedrohlichen Stimmen auf sie ein. Er wünschte sich, dass er das alles nur träumte, aber dem schien leider nicht so. Der Boden kam näher und Shar missachtete den Rat, den er eben noch von Malag bekam, und erkannte viele Meter unter ihm den harten Felsen der Straße. Erneut wurde ihm schwindlig und sein Magen rebellierte. Noch während er versuchte diese missliche Lage mit sich selbst in Einklang zu bringen, hörte er ein lautes Pfeifen neben seinem Ohr. Erschrocken hielt Shar den Atem an und dann flogen ihm Steinchen ins Gesicht. Schon folgte das nächste Pfeifen und daraufhin ein Stich in seinen Hals. Plötzlich wurde ihm seltsam und etwas war geschehen, was er nicht kannte. Einen Atemzug später spürte der junge Halbdrow, dass er müde und seine Glieder schlaff wurden. Eben hielt er sich noch am Hals von Malag fest und bereits im nächsten Augenblick wusste er, dass er es nicht mehr konnte. Shar ließ ohne es zu wollen los und fiel drei Meter nach unten und kam dabei mit vollem Gewicht auf dem harten Boden auf. Es erklang ein lautes Knacken und dann lag der jungen Halbdrow auf der Gasse, sein Körper war schlaff, schmerzte und sein rechtes Handgelenk stand in einer bizarren Drehung von ihm weg. Shar hatte sich das Gelenk beim Absturz gebrochen und seine Sinne schwanden schnell dahin. Die eben noch heftig aufkommenden Schmerzen durchströmten seinen Leib, doch diese begannen plötzlich zu schwinden.
Malag’edorl hörte und sah die Bolzen von einer Armbrust, die einige Drow auf der gegenüberliegenden Straßeseite unter ihm abschossen hatten. Und schon gleich danach spürte er, wie der Junge fiel. Nein, fluchte er innerlich und kletterte eilig weiter. Hoffentlich war nichts passiert, dachte er und da traf ihn ebenfalls ein Bolzen. Dieser war nicht mit Schlafgift gedrängt, sondern er war scharf und tief in seinen Arm eingedrungen. Ein stechender Schmerz erfasste ihn und den letzten Meter sprang der Assassine nach unten und landete neben dem Jungen. Er umfasste seinen schmerzenden und blutenden Arm.
„Bleib liegen und stell’ dich tot. So kann ich dich nicht mitnehmen, aber sie werden dir auch nichts tun, sie suchen mich. Ich versuche zurück zukommen“, flüsterte er schnell zu Shar gewandt, blickte auf ihn herab und hoffte, dass der Junge nicht schon tot war. Dann wurde er von einem weiteren Bolzen abgelenkt, der ihn nur um wenige Millimeter verfehlte. Eilig erhob sich Malag’edorl, sicherte seinen Rucksack auf dem Rücken und hechtete die Straße entlang ohne sich noch einmal umschauen zu können.
Zurück blieb Shar, der mittlerweile das Bewusstsein verloren hatte. Doch die Worte seines Freundes klangen wie ein Echo in seinem Kopf nach und langsam glitt er in eine angenehme Schwärze hinab.
Als Shar eine Stunde später an der gleichen Stelle erwachte, wo er abgestürzt war, peinigten ihn unsägliche Schmerzen. Sein ganzer Körper quälte ihn und ein Brennen und Pochen durchströmte seine Glieder. Der Kopf hämmerte laut und ihm war schwindlig. Seine Eingeweide fühlten sich an, als hätte sie ihm jemand ausgerissen und erneut eingesetzt. Was war nur passiert? Der Junge versuchte angestrengt die Augen zu öffnen und offen zu halten. Er war so müde und schlaff. Die Worte von Malag kamen ihm in den Sinn, ‚Bleib liegen und stell’ dich tot’. Das musste er erst gar nicht, denn er fühlte sich bereits so. Aber wie lange hatte er hier gelegen und was war passiert? Fragen über Fragen drängten sich Shar auf und er wagte sich erst einmal nicht zu bewegen. Doch dies war die falsche Lösung. Er lag auf der Straße und mitten in der Gefahr. So lauschte der junge Halbdrow, ob er von irgendwo her ein Geräusch vernahm. Nichts, hier herrschte Stille. Das schien die Chance zu sein. Shar versuchte aufzustehen. Zuerst bewegte er lediglich den Kopf und unerträgliche Kopfschmerzen bemächtigten sich seiner. Der Junge seufzte, musste jedoch weiter versuchen hier nicht tatenlos herum zu liegen. Shar riss sich zusammen und nach einigen Minuten schaffte er es sich in eine sitzende Position zu kämpfen. Immer noch schmerzten seine Glieder und ganz unerwartet und mit einer Heftigkeit, die er niemals zuvor gekannt hatte, jagte ein ungeheuerlicher Schmerz durch seinen rechten Arm. Beinahe hätte er laut und aus tiefstem Herzen aufgeschrieen, konnte sich aber im aller letzten Moment zurückhalten und biss sich so fest auf die Unterlippe, dass sie anfing zu bluten. Geschockt riss er seine Augen auf und betrachtete seinen Arm, besser gesagt sein Handgelenk und sah etwas, dass ihn fast von neuem ohnmächtig werden lassen wollte. Kleine Sternchen glimmten vor seinem Innern auf und sein Magen begann erneut zu rebellieren. Der Schmerz wurde intensiver, aber der junge Halbdrow hielt beharrlich am Bewusstsein fest. Der Junge sah sein Handgelenk, aber es sah nicht mehr so aus wie vorher. Es hing seltsam verdreht und nach außen gerichtet schlaff nach unten. Blut klebte daran und etwas Weißes und Spitzes lugte daraus hervor. Ohne Behandlung würde solch ein Bruch wohl mit einer verkrüppelten Hand enden, die zu nichts mehr zu gebrauchen war, aber das wusste Shar nicht, noch nicht.
Der Junge beobachtete und verstand nicht alles. Er spürte die schlimmsten Schmerzen seit langem und er konnte nicht anders und rief nach Handir.
„Vater … Vater, bitte hilf mir?“, flehte Shar stumm und wartete geduldig auf eine Antwort.
Lange musste er nicht warten und die wohlklingende Stimme Vhaerauns hallte tausendfach durch den Geist seines Schützlings. „Du musst dich verstecken“, antwortete er nüchtern.
„Ich habe Schmerzen“, bettelte der junge Halbdrow und kämpfte jetzt sogar mit den Tränen. Denn die Pein wurde von Minute zu Minute größer.
„Das weiß ich“, erklang ein Seufzen in Shars Kopf. „Aber du musst erst einmal von der Straße und dich verstecken wo niemand dich finden kann. Die Schmerzen werden vergehen. Du willst doch ein gehorsamer Sohn sein.“
Nun lag es an dem Jungen zu seufzen. Wieso half ihm sein Vater nicht zuerst und dann konnte er in Ruhe ein gutes Versteck finden, wo er in Sicherheit war. Aber er wusste, mit Jammern brachte er es nicht weit bei Handir Also musste er versuchen sich zu fügen und den Worten seines Vaters vertrauen. Mit einem Stöhnen machte sich der junge Halbdrow dran, langsam aber dennoch eisern aufzustehen. Den Blick auf sein gebrochenes Handgelenk vermied er dabei, während er sich tapfer am Straßenrand entlang bewegte. Die Stimme von Handir wies ihm den Weg und nur einige Meter weiter fand Shar ein kleines Kellerloch, wo er problemlos hineinschlüpfen konnte. Sein Vater versicherte ihm sogar, dass er hier nicht gefunden werden würde und er sich von dem Sturz aus dem Fenster erholen sollte. Der Junge war so in seinen Schmerzen gefangen, dass er sich erst einmal auf keine weitere Unterhaltung mit der Stimme von Handir einlassen wollte und versuchte stattdessen zu schlafen. Schlaf war schon immer die beste Medizin und er gab ihm die Möglichkeit über die Geschehnisse nachdenken zu können. Gesagt und getan und Shar verschwand in dem kleinen Kellerloch und schlief irgendwann ein.
Zur gleichen Zeit ärgerte sich der Maskierte Fürst über die unliebsame Wandlung der Situation, die durch die übereilte Flucht von Malag’edorl entstanden war. Diese Richtung hatte er so nicht vorher gesehen und eine Lösung musste dringend her. Über seinen Schützling brauchte er sich keine Sorgen zu machen, er würde sich stets an seine Anweisungen halten, so wie er es in den letzten vergangen Monaten getan hatte. Der zweite Kandidat würde nun näher rücken müssen und die Zeit schien reif, endlich die Zukunft weiter voran zu treiben. Noch während er dies dachte, wirbelte Vhaeraun durch die Schattenebene auf den Basar von Menzoberranzan zu. Zwei kleine Geschenke hatte er zu vergeben. Das erste Geschenk würde Malag zustehen. Der Gott erspähte die flüchtige Silhouette des Assassine mit einer seiner tausend Facetten und verhalf ihm zu einer geglückten Flucht. Seine Verfolger gingen plötzlich in lodernden Flammensäulen auf und erstickte, sterbende Schreie hallten unheilsvoll über den großen Platz mitten in der Stadt. Jeder unfreiwillige Beobachter riss vor Schreck weit die Augen auf und doch beobachteten sie mit unverhohlenem Interesse, wie die unglücklichen Soldaten sich in Asche verwandelten. Danach verschwand Vhaeraun und tauchte wenige Sekunden später auf einem der vielen Dachfirste auf. Jetzt musste er viele Stunden warten, aber dies tat er in jenem Moment mit Genuss, denn das zweite Geschenk gab es erst viel später und an einem anderen Ort.
Ein gut aussehender Dunkelelf mit dunkelblauer Samtrobe, langen, weißen Haaren, und lavendelfarbenen Augen, lief an jenem Morgen geradewegs auf sein Ziel zu, ein kleiner Laden mit Zaubereibedarf. Mit seiner 1,70 m Körpergröße und seinem jungen Gesicht, wirkte er irgendwie Fehl am Platz, denn zum einen täuschte sein jungendliches Aussehen und gleichzeitig strahlte er eine ungewöhnliche Aura aus. Mit hocherhobenem Kopf, blitzenden Augen und einem selbstsicheren Auftreten schritt er die Straße entlang und achtete nicht auf die staunenden Blicke. Er war heute Morgen hier her gekommen, um seine Zutaten aufzufüllen, und genau das wollte er auch tun und sich nicht ablenken lassen.
Das Geschäft ‚Die Höllenküche’ war ein bekannter Ort, wo jeder gute Magier wusste, dass man alles bekam, was das Herz der arkanen Künste begehrte. So auch der junge Zauberkundige, der eigentlich schon weit über 400 Jahre lebte und mit der dunkelblauen Samtrobe in Menzoberranzan auffiel. Mit sicherem Schritt kam er dem Eingang immer näher und freute sich bereits, noch einige exotische Dinge ersteigern zu können, die er doch so sehr liebte, sammelte und damit Experimente ausführte. Der Magier bog in die ihm bekannte Seitenstraße ein und wäre beinahe über etwas gestolpert. Erschrocken blieb er stehen, doch konnte fast schon nichts mehr sehen. Eine kleine Silhouette schlich gerade vor ihm um eine weitere Ecke und schon war sie verschwunden. Etwas ärgerlich schüttelte er den Kopf, setzte aber augenblicklich seinen Weg fort. Einige Minuten später trat er über die Schwelle des Ladens ‚Die Höllenküche’.
„Seit mir gegrüßt, Meister …“, begann der Besitzer des Geschäftes augenblicklich auf seinen neuesten Gast einzureden, als er erkannte, dass dieser den Laden betrat. Dabei handelte es sich schon um einen älteren Magier in purpurner Robe, der nur zu gerne Stammgäste in Empfang nahm und der neue Gast war solch einer.
Der Magier in der dunkelblauen Robe winkte jedoch gleich mit der Hand ab, so dass Elkantar Naerth, der Besitzer des Ladens, sich unterbrach und stattdessen einen Verbeugung tätigte und anschließend kamen beide aufeinander zu.
„Seit mir ebenfalls gegrüßt, Meister Naerth“, antwortete der Magier in dunkelblauer Samtrobe höflich und beide standen sich unmittelbar gegenüber. „Ich suche heute etwas Bestimmtes und ihr habt doch immer die besten Zutaten“, meinte er darauf bestimmend.
„Natürlich, natürlich …“, grinste Elkantar.
„Ich suche Mondstaub aus den südlichen Ebenen der Oberfläche. Da ihr gerne Exotisches anbietet, könnte ich Glück haben? Ich habe einmal gehört, dass ihr das silbrige Pulver schon mehrmals verkauft habt“, entgegnete der jung aussehende Zauberer.
„Wartet einen Moment … ich habe im Hinterzimmer bestimmt noch etwas übrig“, schmunzelte der Ladenbesitzer, denn er wusste, dass er tatsächlich noch Mondstaub besaß. Außerdem war er teuer und hier winkte ein guter Geschäftsabschluss.
Elkantar Naerth lief eilig nach hinten, während der andere wartete. Nach nur wenigen Minuten kehrte der ältere Dunkelelf zurück und schaute ein wenig verärgert aus.
„Es ist keines mehr da, dabei war ich mir sicher ich hätte noch einen vollen Beutel“, entschuldigte sich der Ladenbesitzer, wurde aber von seinem Kunden höflich unterbrochen. „Das ist kein Problem. Ich komme einfach wieder, sagt mir nur wann und wie viel es kostet.“
„In den nächsten Tagen trifft eine neue Karawane ein und von dort beziehe ich den Mondstaub. Drei Tage und zehn Gold, Meister“, antwortete Elkantar ehrlich und ernte daraufhin ein Lächeln.
„Ich danke euch“, erklang die ruhige Stimme des Magiers in der dunkelblauen Robe und verschwand ohne weitere Einkäufe aus dem Laden. Die Enttäuschung nicht gleich bekommen zu haben, was er suchte, nagte im Innern, aber dadurch bekam er auch die Gelegenheit beim nächsten Mal vielleicht noch etwas anderes zu erstehen und wollte ein wenig mehr Geld mitnehmen. Für ihn stellte die weite Entfernung zwischen Aglarond und den unterirdischem Menzobarranzan kein Problem da, was er in regelmäßigen Abständen sowieso so gerne unternahm. Mit diesem Gedanken verschwand er auf dem gleichen Weg, wie er gekommen war.
Auf dem Dachfirst über den Dächern der Stadt der Spinnenkönig saß immer noch der Maskierte Fürst und konzentrierte sich dabei auf das Gespräch der beiden Drow im Laden ‚Zur Höllenküche’. Ein tückisches Lächeln hatte einen Weg in sein Gesicht gefunden und wie aus dem Nichts hielt er einen Beutel in der Hand und wiegte ihn sorgfältig hin und her. Scheint wirklich sehr wichtig zu sein, schmunzelte er in sich hinein und konnte doch anschließend ein lautes Gelächter nicht unterdrücken.
Shar war währenddessen wieder in seinem kleinen Schlupfloch angekommen. Eigentlich hatte ihm Handir verboten sich zu entfernen, aber er hatte Hunger und Durst und beides gab es hier nicht. So schlich er noch früh morgens mit Schmerzen aus seinem Versteck und fand zum Glück noch etwas auf dem Boden vom Gasthaus ‚Zum gespaltenen Schädel’. Nicht viel, aber es beruhigte seinen Magen. Das gebrochene Handgelenk schmerzte immer noch und er hatte das Gefühl, dass es von Stunde zu Stunde qualvoller wurde. Um Malag machte er sich ebenfalls sorgen, konnte ihn aber auf seinem Weg nirgendwo entdecken. Aber der junge Halbdrow wusste auch, dass sein Freund gut auf sich selbst aufpassen konnte, aber er musste sich wieder verstecken. Auf seinem Weg hätte er beinahe noch einen Drow mit einer dunkelblauen Robe gestreift, schaffte es aber im letzten Moment noch zu entkommen. Zum Glück, dachte er und war daraufhin in seinem Loch verschwunden.
Der erste Tag schien unerträglich, nicht einmal Handir redete mit ihm. Er musste mitbekommen haben, dass er nicht brav war. Doch jetzt ließ sich nichts mehr ändern. Der zweite Tag brach an und erst jetzt erklang die Stimme seines Vaters im Kopf des jungen Halbdrow.
„Du musst noch warten, mein Sohn“, verkündete der Maskierte Fürst und ärgerte sich doch ein wenig, dass Shar sich über seine Anweisungen hinweg gesetzt hatte. Eine kleine Bestrafung musste sein, aber die Zeit rückte immer näher. Wollte er doch zuerst ihm die Schmerzen des gebrochenen Handgelenks nehmen, tat er nun nichts, um den Jungen zu heilen.
Shar weinte und fühlte sich plötzlich wie vor einigen Monaten. Er war alleine und die Qual wuchs. Doch er fand heraus, solange er den Arm nicht bewegte ging es ihm besser. Keine gute Aussicht, aber es gab keine andere Wahl. Der Hunger und Durst wurden unerträglich und er fiel in einen dämmrigen Schlaf. Handir beruhigte ihn durch Worte, aber es half nicht viel. Letztendlich entdeckte Shar in seinem Unterschlupf ein kleines Rinnsal, dass ihm die trockene Kehle befeuchtete, aber Essen gab es dennoch nicht. Nur einige Krummen Brot, die er noch von der Straße einsteckt hatte und die er sich einteilte. Seine neuen Nachbarn - Ratten, Spinnen und anderes Ungeziefer - plagten ihn und der Gestank in diesem Loch wurde ebenfalls immer unerträglicher. Am dritten Tag konnte der junge Halbdrow nicht mehr. Seine Kräfte schwanden und wenn er länger hier weilte, würde er noch verrückt werden, dachte er sich. Er musste von hier verschwinden.
„Mein Sohn“, hallte plötzlich die Stimme des Maskierten Fürsten im Geist des Jungen. „Ich möchte dass du zum Gasthaus gehst und dir etwas zu Essen holst. Bald steht das Licht des Narbondel am höchsten. Beeil’ dich.“
Vhaeraun kannte die Gedanken Shars und er entschied, der richtige Zeitpunkt sei gekommen. Die Zukunft wartete und das mitten auf der Straße. Dabei musste der Gott erneut innerlich lächeln. „Du hast deine Aufgabe gut gemeistert, mein Sohn. Ich gewähre dir 50 Jahre Glück.“
Shar verstand nicht recht, wollte er in jenem Augenblick auch nicht, er hatte einfach nur Hunger und Durst. „Ja, Vater“, war das einzige, was er antwortete und kletterte dabei aus seinem Versteck.
Es tat so gut wieder den Lärm von anderen Lebewesen zu vernehmen. So schnell, wie die Beine hergaben, schlich er sich an den Häuserwänden entlang und erspähte nur wenige Minuten später den Basar. Jetzt nur noch ein paar Straßen weiter und er war am Ziel seiner Sehnsüchte.
Als Shar am Rand des Basars entlang huschte, stets aufpasste niemanden zu nahe zu kommen und um sich unscheinbar zu machen, entdeckte er aus den Augenwinkeln plötzlich eine Gestalt, von der er niemals geglaubt hätte, sie noch einmal zu Gesicht zu bekommen. Er hielt inne und musterte neugierig was er da sah. Doch es gab keine Zweifel, obwohl er mehrmals die Augen zukniff und wieder öffnete. Ein freudiges Lächeln breitete sich auf den hageren und völlig verdreckten Gesichtszüge des jungen Halbdrow aus und er wusste, dort lief Zaknafein Do’Urden, sein Freund und bester Waffenmeister der Stadt. Vergessen war sogar der Hunger und Durst und ein Gefühl der absoluten Freude ergriff von ihm Besitz. Er hatte fast schon nicht mehr daran geglaubt, dass er Zak jemals wieder sehen würde. Doch das Glück schien ihm Hold und er erinnerte sich an die Worte von Handir: ‚Ich gewähre dir 50 Jahre Glück’. Er musste Zak damit gemeint haben, aber was bedeuteten 50 Jahre. Doch das war im Moment unwichtig, sagte sich der Junge und kannte doch nur zu gut die Bedeutung des Wortes „Glück“, was er ständig wiederholte. Jetzt versuchte Shar schneller voran zu kommen und rief dabei ohne Vorsichtig und lauter Stimme, „Zaknafein!“
Der Waffenmeister des Hauses Do’Urden hörte jedoch nichts und lief unvermittelt weiter. Er hatte einen Auftrag zu erfüllen, der ihm schwer auf dem Herzen lag, aber ihm blieb keine andere Wahl. Mit schnellen Schritten ging er durch die dichten Reihen der herumeilenden Dunkelelfen und Händler aller Rassen und versuchte so sein Ziel, die Akademie Malee-Magthere zu erreichen.
Doch der junge Halbdrow gab die Hoffnung nicht auf, er würde seinen Freund gleich eingeholt haben und dieser würde ihm helfen, da war sich der Junge ganz sicher. Doch plötzlich hörte er neben sich eine Stimme und hielt abrupt in allem inne. Shar kannte sie und doch wusste er im jenem ersten Augenblick nicht woher. Er drehte seinen Kopf und erschrak.
„Na, wen haben wir denn da? Ich sehe den kleinen Bastard. Männer, greift ihn euch!“, schrie Yazston, der Hauptmann von Nhaundars Soldaten seinen Männern zu und zog dabei sein Schwert. Ein Lächeln stahl sich auf die Gesichtszüge des Dunkelelfen, der sein Glück kaum fassen konnte. Monate lang dachte er, selbst Nhaundar Xarann, dass der Halbdrow verschwunden, vielleicht sogar tot war und nun tauchte er ganz unerwartet und mit Pauken und Posaunen vor ihm auf. Dieser kleine Bastard würde ihm nicht entwichen, schwor sich Yazston und hetzte eilig seinen Soldaten und dem überraschten Jungen hinter her, der gerade die Flucht ergriff.
Shars Herz pochte und sein Blut rauschte durch seine Adern. Die Furcht kroch in seine Glieder und vergessen war sogar die Erschöpfung der letzten Tage. Selbst das gebrochene Handgelenk ignorierte er und Shar rannte um sein Leben. Der Junge sauste in die entgegengesetzte Richtung von Zaknafein davon und wollte versuchen in den kleinen Gassen ein Versteck zu finden. Doch dabei traten ihm die Tränen in die Augen. Eben noch hatte er seinen Freund gefunden und nun floh er vor Yazston. Die Enttäuschung war groß, aber er musste versuchen diese schlimmen Gedanken zu verbannen, jetzt zählte nur noch die Flucht. Sein Leben stand auf dem Spiel, an dem er viel zu sehr hing. Während er rannte, schaute Shar immer öfters über die Schulter, damit er sich sicher sein konnte, dass er Abstand zwischen sich und die Soldaten brachte. Er kam an der Häuserecke an, wo er eben noch den Basar betreten hatte, und mit einem letzten Blick bog der junge Halbdrow um die Ecke. Abrupt prallte er mit Jemandem oder Etwas zusammen und taumelte im Eifer des Gefechts nach hinten. Die andere Person - ein jung aussehender und gleichzeitig groß wirkender Drow mit langen, weißen Haaren, lavendelfarbenen Augen und einer dunkelblauen Robe aus Samt - wurde von dem unerwarteten Zusammenprall umgerissen. Er verlor das Gleichgewicht, kippte nach hinten um, schlug hart auf dem Boden auf und blieb reglos liegen.
Shar fiel ebenfalls zu Boden und erneut spürte der Junge die heftigen Schmerzen in seinem gebrochenen Handgelenk. Die Tränen stiegen ihm in die Augen und von hinten hörte er die bedrohlichen Stimmen von Yazston und dessen Männern. Shar schüttelte den Kopf, versuchte damit die Überraschung und Schmerzen von sich zu streifen und rappelte sich auf. Irritiert betrachtete er den dort liegenden Dunkelelfen und wunderte sich. Aber Shar besaß noch so viel Verstand, dass er erkannte, dass dieser Jemand nicht ein einfacher Mann war. Er sah noch nicht einmal wie ein erwachsener Mann aus, sondern eher wie ein Junge, ein Junge wie er. Die Kleidung wirkte edel und sehr teuer. Eine seltsame Vorahnung nahm von Shar Besitz und gleichzeitig sah er eine Chance vor sich. Vielleicht hatte er diesen Jemand nicht um sonst gefunden. Und wenn doch, dann konnte er immer noch die Kleidung des Fremden verkaufen, um so an Geld zu kommen. So beschloss Shar den Bewusstlosen mitzunehmen und sich dann erst genaue Gedanken darüber zu machen, was er mit dem Drow tun konnte. Mit einem letzten Blick über die Schulter wusste er, Yazston wäre gleich bei ihm und die Zeit raste davon. Mit den letzten, in ihm steckenden Kräften, zog er mit der unverletzten Hand an einem Arm des Bewusstlosen und war froh, dass der Fremde anscheinend nicht viel wog, denn er konnte ihn hinter sich herziehen. Zwar war die Anstrengung schon Kräfte zerrend, doch Shar gelang es, den Fremden mit sich zu schleifen. Vhaeraun trug heimlich dazu bei. Shar war plötzlich mit ungewohnter Energie erfüllt und bog mit dem Drow um eine weitere Häuserecke. Dort fand er auch schon das Ziel. Es handelte sich um ein kleines Kellerloch, dass er bereits vor Monaten entdeckt hatte und hoffte, dass heute niemand anderer dort wohnte. Er versuchte sich zu beeilen und schaffte es in jenem Moment zu verschwinden, als Yazston sich der Stelle des Zusammenpralls näherte und verdutzt stehen blieb und niemand mehr sah.
„Sucht ihn, verdammt beeilt euch!“, schrie Yazston und bildete dabei die Vorhut.
Auf dem Dachfirst saß der Maskierte Fürst und beobachtete alles mit rot glühenden Augen aufmerksam und amüsiert zu gleich. In der Hand hielt er ein Beutel mit Mondstaub und ließ ihn in jenem Moment verschwinden, als Shar und der Magier in der dunkelblauen Robe ineinander prallten. Sein Haar glühte plötzlich golden auf und der Triumph schien ihm sicher.
„Na also, geht doch!“, ertönte seine tausendfach widerhallende Stimme über den Basar und er brach in schallendes Gelächter aus.